Das Wunder

•23. August 2010 • 11 Kommentare

Stolz streckst Du Deine verwitterten Ziegel in die Höhe und trägst die ganze Last der Geschichte auf dem schwachen Gerippe Deines alten Dachstuhls. Du atmest den Geist eines aufkeimenden Wunders, trägst die Utopie der frühen Republik in Dir. Mit wachen Auge sahst Reiter mit Säbeln durch die Straßen ziehen, Du wurdest feierlich geschmückt für des Kaisers Kleider und verbrannt unter den Wirren der Revolution. Wiedereröffnet und besiegt durch Deine Befreier, missbraucht und geschändet durch braune Herden, blicktest Du dem verheerenden Feuersturm der alles fressenden Bombennächte in das lodernde Auge.

Voller Narben, schwach und gebrechlich, richteten Dich schmutzige Frauenhände wieder auf. Breite, schwarze Adern aus Teer und Asphalt durchzogen schon bald die Neue Stadt. Auf ihren Gassen vollzog sich das graue Wunder der leeren Gesichter, eine bleiche Symphonie mit den Klingeln der Registrierkassen, dem Quietschen der Straßenbahn und dem unerlässlichen Brummen der Käfer und Enten. Das Wunder, oh Wunder, blieb in diesem Eintopf liegen und fraß sich einen dicken Bauch. Schon bald war der Saum der Innenstadt zu eng für seine Hüfen und der Konsum platze in die Vorstädte.

Vom grauen Wunder verlassen, zogen seine bunt gewandten Kinder in Deine verlassenen Räume. Sie rissen die Bretter von Deiner Fassade und ließen sich verträumt auf Deinen kahlen Boden nieder. Sie sangen fröhliche Lieder vom Heil einer fröhlichen Welt und fühlten nicht den giftigen Stachel des Lebens in ihrem Fleisch sitzen. Fürwahr, niemand zählt die Illusionen, die in Deinem Heim zugrunde gingen, niemand weiß um die jungen Seelen, die zwischen Deinen blanken Wänden ihren Glauben verloren. Mit dem Gestank des Siechtums kamen die Insekten und mit den Insekten kam die Polizei.

Sieh an, das Wunder, verzehrt von seinen vielen Krisen und Diäten, erinnerte sich Deiner wieder. Erneut sammelten sich Hundertschaften zu Deinem Fuße, um sich Deiner Hab zu werden. Erbarmungslos zogen sie die vermummten Bengel aus Deinem Herzen, schlugen mit Knüppeln auf sie ein, schonungslos wurdest Du entkernt, ausgenommen und ausgeschart, Deiner Geschichte beraubt und an den Tropf gehängt.

Du öffnest Deine Augen und bewunderst Deine neuen Kleider. Im zarten Biedermeier-Rock strahlst im matten Gelb auf die Straße herab. Aus Deinem Innern entweicht der köstliche Duft frischgemahlener Kaffeebohnen und das Murmeln der Enkel ist nur im Inhalt leer. Vorsichtig strecke ich meine Hand aus und berühre Deine Wand. Ich weiß, dass Du Dich an mich erinnerst. Steine vergessen nie.

Ich gehe einen Schritt zurück und schaue durch Deine Fenster. Eine junge Frau sitzt vor ihren Geranien und liest ein Buch. Ich möchte zu ihr gehen und mit ihr sprechen, doch ich kann nicht. Ich bin jetzt ein Teil Deiner Geschichte. Die Arbeit ruft, um das Wunder zu erwecken.

Alles

•12. Juni 2010 • 5 Kommentare

Stell‘ Dir vor, Du wärst wieder allein unter Leuten.
Denkst traurige Lieder,
vom Sein und Bedeuten,
vom schreien und sich häuten,
vom wollen und nicht kriegen,
von Kriegen und Frieden,
vom niemals zufrieden sein.

Und plötzlich ein Schlag und Du kriechst auf allen Vieren.
Und Deine Stimme in meinem Ohr sagt: „Du sollst nicht lamentieren!“
Sie sagte: „Schluss mit den Faxen und Schluss mit den Geigen“,
mit einem Tritt in die Haxen und einem Kuss, der zum Weinen wär‘ hielt er Dich fest.
Und auch wenn Du Dich wehrtest, wenn Du Dir nicht glauben kannst, dass Du es wert bist. Alles ist alles, ist alles!

Dir ist alles erlaubt und alles gegeben und alles geglaubt und alles vergeben und alles wär‘ drin und alles daneben. Es wär‘ alles vertan und alles vergebens und…

Du?

Stell‘ Dir vor, dass Erlösung nicht nur für Religiöse wär‘.
Rigorose Engel kämen, die richtig böse wären.
Wenn Du sonst keinem glaubst, würdest Du glauben?
Wenn sie sagten: „Schau her, wir ziehen Deine Schrauben!“
Wenn sie sagten: „Geh, nimm hier Deine Krücken!“
Sag, würdest Du tanzen oder Dich danach bücken?
Weißt Du, alles ist alles, ist alles!

Dir wär‘ alles erlaubt und alles gegeben und alles geglaubt und alles vergeben und alles wär‘ drin und alles daneben. Es wär‘ alles getan und alles vergebens. Es wär‘ alles, es wär‘ alles. Alles, wer alles?

Alles! Wer alles wär‘, alles wär‘! Alles, wer? Alles wär‘ alles, wer alles wär‘!

Alles! Wer? Du!

Judith Holofernes

Der Wunsch

•24. März 2010 • 30 Kommentare

Es heißt, es gebe nicht ehrlicheres als das Lächeln eines Kindes. Wenn ein junger Mensch, kaum höher als Deine Beine, neugierig zu Dir aufblickt, seinen Kopf neck in den Nacken legt und den Blickkontakt mit Dir sucht, dann ist das Glück nur einen Wimpernschlag von einem winzigen Zucken des Mundwinkels entfernt.

Ich bin als Einzelkind aufgewachsen und wollte mich nie damit abfinden, ohne Geschwister durch das Leben zu gehen. Als Dreikäsehoch schrieb ich kleine Wunschzettel an den Nikolaus und bat ihn darum, mir doch bitte eine kleine Schwester unter den Weihnachtsbaum zu legen. Später wurde ich subtiler und bot meinen Eltern an, als Gegenleistung für einen Bruder fortan jeden Tag, und für alle Ewigkeiten, den Abwasch zu erledigen und die Wäsche zu bügeln – ein ambitioniertes Vorhaben für eine achtjährige.

Als sich wenig später die sexuelle Aufklärung bis zu mir durchsprach und sich Gerüchte über die Existenz einer „Anti Baby-Pille“ erhärten sollten, ließ ich sämtliche Tabletten und Dragees im Umkreis von 150 Metern um das Schlafzimmer meiner Eltern herum verschwinden. Unverständlicherweise ärgerte sich mein Vater sehr über meine brillante Idee, als wenige Tage später seine Thomapyrin zusammen mit Mutters Blutdrucktabletten unter meinem Bett auftauchten. Ehe ich mich versah, stand ich auch schon in der Praxis eines Kinderpsychologen und durfte auf einer Ledercouch Trampolin springen. Bis heute glauben meine Eltern, ich hätte vorgehabt, alle konfiszierten Medikamente herunter zu schlucken, um Aufmerksamkeit zu erregen. Das kommt davon, wenn mädchen nach Aufforderung des Therapeuten ein Tier malt und sich für ein Krokodil entscheidet, das gerade ein Gnu zu Mittag verspeist. Vielleicht hätte ich damals nicht so viele Dokumentationen über das Leben wilder Tiere in der Savanne schauen sollen, doch das ist ein anderes Thema ^^.

Einen letzten Angriff auf die Nachwuchspläne meiner Erzeuger startete ich im Alter von 12 Jahren, als mir bewusst wurde, dass die biologische Uhr unerbittlich tickt und die Zeit für ein Baby langsam knapp wird. Nach den mehr oder weniger erfolgreichen Manövern der Vergangenheit ging ich diesmal wissenschaftlich vor und setzte mich wochenlang in die städtische Bücherei, um dicke Schinken über Schwangerschaft und Geburt zu wälzen. Schon bald wusste ich alles über Erziehung und Pflege eines Kleinkinds, ich kannte zwölf verschiedene Arten, einen kleinen Erdenbürger zu wickeln und zitierte aus dem Effeff, welche frühkindlichen Reize gesetzt werden müssen, damit sich alle fünf Sinne prächtig entwickeln. Schon bald galt ich den Räumen der Stadteilbibliothek als geheimes Maskottchen, das einen eigenen Tisch bekam und mit dem Bibliothekarinnen per Du war – ein unglaublich erhabenes Gefühl für eine Sechstklässlerin und Leseratte wie mich.

Mit einem imposanten Dossier an Fakten, Statistiken und Argumenten pro Kind schloss ich meine Arbeit ab. Ich hatte eine 74-Seitige (!) Mappe aus Fotokopien, handschriftlichen Notizen und Zitate berühmter Mütter (unter ihnen auch eine gewisse „Magda Goebbels“) zusammengestellt und meiner Mama zu ihrem Geburtstag überreicht.

Ihre Begeisterung hielt sich in Grenzen.

Noch heute erinnere ich mich an den furchtbaren Streit, der anschließend zwischen meinen Eltern entbrannte. Dabei ging es nicht um die Frage, ob noch ein zweites Kind zur Familie stoßen könnte, sondern warum um alles in der Welt die trotzige Annabell ihre Eltern mit dem Geschwisterwunsch seit Jahren terrorisiere. Meine ehrliche wie simple Antwort, ich wolle einfach nicht alleine sein, leuchtete meiner Mutter nicht ein. Stattdessen wurde jede Annäherung an das andere Geschlecht über Jahre hinweg misstrauisch beäugt. Stundenlange Vorträge über Schwangerschaften minderjähriger Frauen hallen heute noch in meinen Ohren nach. Als hätte ich mich nicht selbst in der Bibliothek darüber schlau gemacht.

Heute Mittag überreichte mir ein kleiner Mann ein selbst gemaltes Porträt, nachdem er – ganz in seine Zeichnung vertieft – immer wieder zu mir rüberblickte, während sich seine Mama bei herrlichen Sonnenschein ein Stück Kuchen auf der Zunge zergehen ließ. Lukas erklärte mir, auf dem Bild seien ich, ein Hund namens Bobby und ein lila Baum zu sehen, der unter der Sonne so schön glänzt. Seiner Mutter war das Geschenk sichtbar peinlich, doch ich konnte ihre Scham besänftigen. Ich erzählte ihr von dem blauen Hasen und den Kastanienbaum, von meinen Teddy Herrn Nowotny und den Tagen im „Kinderland“, während ich alleine im Kinderzimmer spielte. Ihre Augen blitzen. Scheinbar hatte ich ein weiteres Einzelkind entdeckt.

Des Panthers Tagebuch

•20. März 2010 • 15 Kommentare

Der Tag, an dem dieser Blog das Licht der Welt erblickte, war hell und sonnendurchflutet. Eine große Welle des Optimismus schlug über die Küste meines Geistes und malte eine wunderschöne Komposition aus Kreativität und Einfallsreichtum vor meinen inneren Auge. Dieser Blog sollte unter keinen Umständen an Textarmut oder Ideenlosigkeit eingehen, so lautete mein Plan, dieser Blog soll anders sein,  denn ein Leben, das soviel zu bieten hat wie meines, wird unzählige Geschichten zu diktieren verstehen. So sollte dieses schreckliche, weiße Monster auf dem Monitor Woche für Woche mit vielen, schwarzen Buchstaben zu bändigen sein – kein Problem für Frau M. aus D.

Bereits um 7.30 Uhr klingelt der Wecker. Der Faulpelz würde im Bett liegen bleiben, ich jedoch erhebe mich gut gelaunt aus den Federn und sage mir: Um neun fange ich zu schreiben an. Ich nehme mir vor, exakt um 8:30 Uhr mit den Morgenprozeduren fertig zu sein und verwende dazu einen alten Trick aus der Rumpelkiste der Selbstdisziplin. Man lege eine CD ein, die frau sehr gut kennt, und schreibe anschließend folgenden Ablauf auf einen Zettel: Am Ende von Track 1 sind meine Zähne geputzt, nach Track 2 bin ich mit dem Duschen fertig, nach Track 3 stehe ich in Unterwäsche im Bad und wenn Track 4 verklungen ist, dürfte mein Gesicht schon eingecremt sein, und so weiter.

Auch heute ist mein Vorhaben vom Glück beseelt. Punkt 8.30 Uhr fährt mein Computer hoch, fünf Minuten später laufen die ersten Emails ein. Nun beginne auch schon an einen Text zu denken – eine grobe Struktur – ich weiß auch schon, wie ich den Blogeintrag thematisch anlegen könnte. Ich öffne ein leeres Word-Dokument und um 8:50 Uhr renne ich in mein Schlafzimmer, um mir meine Trainingshose anzuziehen – Wellness meets Crosstrainer. Eigentlich gehe ich höchstens zweimal die Woche in das Fitnessstudio meines Vertrauens , das letzte Mal vorgestern, ich müsste also keineswegs ausgerechnet heute trainieren, doch eine gute Idee muss im Schweiße des Angesichts eben überdacht werden.

Nach dem Training klopft der Magen an die Bauchdecke. Auf halbem Wege zwischen dem Sportstudio und meiner Wohnung liegt ein feines Café, fast so schön wie meines, doch heute zieht es mich 20 Kilometer östlich nach Dieburg, in eine schreckliche Literatureinrichtung, um genau zu sein, wo der Kaffee fad und das Gebäck öde schmeckt. Schnell noch ausgiebig sämtliche Tageszeitungen studiert, denn es könnte ja sein – so sage ich zu mir selber – dass ich bei der Lektüre auf etwas stoße, das meinen anstehenden Text noch bereichern wird.

Gegen 12:00 Uhr kehre ich nach Hause zurück, doch noch vor der Haustür halte ich inne: Ist nicht vor einigen Tagen im Badezimmer die Glühbirne erloschen? Sollte ich daher nicht dringend ein Elektrofachgeschäft aufsuchen? Gott sei Dank wartet es ein solches nur wenige Kilometer entfernt auf meinen Besuch. Dort allerdings muss ich erfahren, dass das erforderliche Leuchtmittel momentan käuflich nicht zu erwerben ist. Spätestens an dieser Stelle sollte mir bewusst werden, dass mein Badezimmer auch von zwei statt drei Lampen noch ausreichend erhellt wird, doch ungeachtet der Angst, beim Schminken den Spiegel nicht finden zu können, fahre ich in das LOOP5, und weil ich schon einmal dort bin, kaufe ich mir gleich noch eine Hose, denn Hosen braucht man immer.

Etwa gegen 15:00 Uhr beginnt das auf- und abgehen in der Wohnung, welches sich über Stunden hinziehen kann. Wie ein Panther durchpflüge ich meine Räumlichkeiten. Der Leser möchte an dieser Stelle vielleicht innehalten und sich fragen, ob das ein anschauliches Bild ist: Ein Panther, der einen Pflug zerrend den Teppichfußboden aufreißt? Ja, antworte ich, das ist ein sehr anschauliches Bild für ein gelähmtes, sich selbst bemitleidendes Wesen.

Ich bin mir meiner Befähigungen durchaus bewusst. Umso mehr schäme ich mich, den Anfang eines roten Fadens einfach nie finden zu können. Meine Schuldgefühle sind so stark ausgeprägt, dass sie mir gelegentlich physische Schmerzen bereiten. „Wie, Du kannst nicht? Du muss sich doch nur zusammenreißen“, würden meine Freunde rufen, erzählte ich ihnen von meinem Problem, doch ich habe noch nie mit jemandem darüber gesprochen. Ich bin mir übrigens sicher, dass sich der einzige Mensch auf der Welt bin, bei dem diese – ja –Behinderung so intensiv ausgeprägt ist wie bei mir. Anderen traue ich allenfalls ein genussvolles Innehalten auf dem Sofa vor, ehe sich DIE Idee auf dem Boden einer Chipstüte finden lässt.

Nach zwei, drei Stunden des mit Selbstvorwürfen angereicherten herumpantherns muss ich etwas tun, sonst platze ich. Ich frage mich, ob ich nicht mal den Küchenboden wischen sollte, nachdem das gestern schon so gut geklappt hat. Diese Frau, diese arme Frau, die ihren Lesern so dringend einen Blogeintrag schuldig ist und nicht schreiben kann, weil sie Angst hat, sie könne im Verlauf der Arbeit an einen Punkt kommen, an dem sie nicht weiter weiß, oder an eine Stelle, an der ihr klar wird, dass sie auf dem falschen Weg ist, weswegen sie erst gar nicht anfängt, sich auf einen Weg zu machen, diese arme, arme Frau beginnt nun, sämtliche Gläser, Teller, Pfannen, Töpfe usw. aus den Küchenschränken herauszuholen, um die Abstellböden in den Schränken mit feuchtwarmen Tüchern abzuwischen! Mit trockenen Tüchern reibt sie anschließend jedes einzelne Geschirr ab, bevor sie alles wieder in die Schränke stellt. Drei Stunden dauert das.

Anschließend fährt sie den Computer herunter und ruft Julia an, die sie gestern gefragt hatte, ob sie nicht am nächsten Abend mit ihr etwas essen gehen möchte, was mit einem Hinweis auf die zu tätigenden Schreibarbeiten abgelehnt werden musste. Jetzt sage ich zu Julia: Du, ich kann doch! Es gibt eben nichts über eine ausgeprägte Schreibblockade ^^

Lena Meyer-Landrut

•16. März 2010 • 7 Kommentare

Lena Meyer-Landrut ist ein süßes Mädchen, das süße Mädchensongs wie Honig in das Mikrofon tropfen lässt. Sie steht auf der Bühne, wie ein junges Rehkitz auf der Waldlichtung, die kugelrunden Kulleraugen weit aufgerissen, bereit, der großen, weiten Welt ihr Herz zu offenbaren, wie es schlägt, wie es pumpt, wie es mit jedem Schlag neues Leben durch die Adern bahnt. Dazu bewegt sie sich leichtsinnig und unbeholfen wie eine unsichtbare Marionette über den glänzenden Steg der Eitelkeit, einzig gehalten und geführt von den blitzenden Funken ihrer Inspiration. Lena ist in diesem Moment, sie lebt in diesem Moment, sie bezaubert in diesem Moment, und schreibt mit großen Lettern das Wort „Unschuld“ in den kalten Schnee des grauen Alltags.

Es wurde ein „Star für Oslo“ gesucht und gefunden. Nur nebenbei, gar nicht bewusst, flimmerte Anfang Februar die erste Folge der Castingshow über die Mattscheibe meines Fernsehers. Martin ist ein begeisterter Allesgucker, insbesondere wenn es darum geht, kleine Forstbewohner zu beobachten, die von den Bluthunden der Medienvampire aus dem sicheren Schutz des Waldes auf das große, weite Feld der Öffentlichkeit getrieben werden, um am Futtertrog des Starruhms zu verkümmern und fortan als Zombie durch unlösbare Rätsel bei 9Live zu irren.

Diese Show bot sich geradewegs dazu an, weitere Opfer der Vermarktungsmaschinerie zuzuführen, denn wenn das Fernsehen in den letzten Jahren eines bewiesen hat, dann das Talent zur nackten Quote über geschändete Leichen. Klar, Stefan Raab ist nicht Dieter Bohlen und die ARD nicht RTL, und doch hörten wir schon die Produktmanager und Eventprofis mit den Hufen scharren, jenen Gesellen, die es kaum erwarten konnten, sich gierig auf das frische Jagdgut zu stürzen, um es ihres kostbarsten Gutes zu berauben – ihrem jugendlichen, frischen Blut. Doch da tauchte plötzlich diese Lena auf, so unbekümmert und gesegnet mit einer Aura purer Originalität, um die Plastikmaschine für einen Moment anzuhalten – sie hatte das Publikum einfach mit etwas Echtem geküsst und für einen Augenblick in ihren Bann gezogen.

Und nun sie plötzlich da, die süße Lena Meyer-Landrut, das zu Fleisch gewordene Bambi aus dem Dickicht der Namenlosen, die keck und ungefragt ihre Nasenspitze aus dem Gehölz steckt und den Duft der Prominenz schnuppert. Auf wackligen Beinen stolpert sie aus dem Unterholz und präsentiert sich, lächelt den Profitprofis ins Gesicht und blickt über ihre Häupter hinweg, den Horizont wahren Glanzes in ihren Augen. Doch schon werden Betäubungspfeile auf sie geschossen und bohren sich zielgenau in ihre Brust. Das tödliche Gift der Vermarktung schießt schon durch ihren Körper, das Opium des kleinen Ruhms zerrt an ihren Sinnen. Selig sinkt sie zu Boden und pfeift ein kleines Lied, während sie nach Oslo verschleppt wird, wo sie mit den Tieren aller Wälder ihre Kräfte messen soll. Da wird sie stehen, das Rehkitz, neben unzähligen Igeln, Füchsen, Eichhörnchen, Wildkatzen und Bären. Die Manege ist frei, der Circus Maximum eröffnet. Das Hauen und Stechen wird Opfer fordern, viele Opfer, und wie jedes Jahr wird nicht jede Karriere diesem unerbittlichen Hühnerkampf um nationale Ehre und Stolz überleben.

Lena Meyer-Landrut ist ein süßes Mädchen, das süße Mädchensongs wie Honig in das Mikrofon tropfen lässt. Sie wird in Oslo ihre Unschuld verlieren – wie sollte es auch anders sein – und sie wird viele ihrer bunten Federn auf dem Schlachtfeld der Unerbittlichkeit lassen. Die Eulen werden ihr attestieren, nicht singen zu können, die drei Löwen werden ihr attestieren, kein Englisch zu beherrschen, und die Schlange wird ihr attestieren, kein echtes Talent zu besitzen. Vielleicht haben sie sogar recht damit. Lena piepst, Lena plappert, Lena fuchtelt. Und doch berührt sie die Herzen, sie umspielt  unsere Seelen, da sie uns etwas gibt, was in diesen Tagen so kostbar, so einmalig und fremd ist, dass ihr Antlitz wie ein Diamant in unseren Händen liegt:

Sie gibt uns ein ehrliches Lächeln. Danke für diesen Moment!

Zweite Liebe

•14. März 2010 • 7 Kommentare

Des Engels Kind berührte mich, küsste sanft meine Sinne für das wahre Spiel. Die Sonne am Firmament lies Dein Antlitz golden schimmern, gar glänzen, wie Seide, gesponnen aus puren Glück. Ich sah in Deine Augen, versunken im Lächeln der Unendlichkeit, leicht wie ein Blatt, schwebend im Hauch des Seins.

Du träumtest sanft in meinen Armen, o Rose unter den Nelken, Du lagst geborgen und sicher in meinen Schoß. Dein Lächeln funkelte wie ein Diamant im Sonnenlicht, rein und klar und von unendlicher Schönheit. Du warst es, der die Ketten der Wünsche zu sprengen vermochte, die fesselten, was trennte.

Schwer konnte ich Deinen Atem spüren, Deine Haut und Deine Hände, schwer konnte ich den gleißenden Vulkan fühlen, wild und heiß und unzähmbar. Wie schnell gab ich mein Herz für Deine Seele, wie schnell waren meine Sinne als unsere Liebe Unterpfand verbraucht? Wer vermag schon die Last der Einsamkeit tragen, das Streicheln des Windes über die Wange Sehnsucht?

Fürwahr, des Engels Kind ist gefallen und langsam verrinnt seine Gunst durch die Finger der Zeit. Zwar vermagst Du es,  mich des Nächtens zu besuchen und kühl in den Spiegel meiner Wünsche zu lächeln. Doch unser Moment ist nicht gekommen. Meine Liebe und Dein Leben sind nicht bereit… nicht für Dich.

Es war einmal…

•10. März 2010 • 20 Kommentare

„Tue gutes und rede darüber“, lautete sein Grundsatz. Er tat es nie, weil er es seinem Schicksal schuldig war oder dem unsagbaren Glück, das seinem Leben offenbart wurde. Er folgte nie einer innewohnenden Überzeugung, geschweige denn einer moralischen Verpflichtung, die er hätte nachkommen müssen. Er wollte nicht mit Negerkindern aus Obervolta belästigt werden oder kranken Seelen in einem winzigen Bett. Es war ihm egal, welche Bahnen er legte oder welche Verantwortung an seinen Händen kleben sollte. Es ist seine Stiftung, es ist sein Name, sein Name ist sein Stolz.

Er tat es, weil es andere taten. Er handelte, da er den warmen Ausguss gütiger Worte wie das Wasser zum Leben brauchte. Er war der Fisch auf den Trockenen, das Herz ohne Blut, der Bewunderte ohne Verehrer. Sein Spiegelbild war ihm nicht mehr genug.  Die anderen mögen spenden, er jedoch vermag es zu stiften, seinen Großmut auszuteilen, die Hand zu reichen, ohne sie auszustrecken, ohne ihnen in die Augen zu blicken. Mit ihm trägt die Stiftung seinen Namen, sein Name tragen auch die Bestifteten, es ist seine Stiftung, es ist sein Name, sein Name ist sein Stolz.

In Darmstadt laufen sie zu Hunderten herum, die Bestifteten. Sie kennen ihn nicht und sie werden niemals in sein Gesicht blicken. Seine Augen sind nur auf sich gerichtet, mit Ehrenpreise behangen sitzt er in der Loge und lässt die Herscharen wie ein General auf der Militärparade an sich vorbei ziehen. Hohe Amtsträger singen ein Loblied auf ihn, PR as usuall, doch wer kümmert das schon? Es ist seine Stiftung, es ist sein Name, sein Name ist sein Stolz.

Sein wahres Leben ist die Kunst, fürwahr, das Schöne, das Anmutige, der Schein im hellen Licht. Wie ein Pfau steht er dann da und ist über sich und der Welt erhaben. Wen mag das verwundern? Kunst und künstlich stehen sich näher als Kunst und Können. So badet er, Tag ein, Tag aus, in Begriffen, die er nicht versteht. Ein junger Mensch schreibt ihn einen Brief und bedankt sich für ein Stipendium. Die Antwort trägt Goldrand. Es ist seine Stiftung, es ist sein Name, sein Name ist sein Stolz.

„Tue gutes und rede darüber“, steht auf dem Bogen des Mausoleums, an dem sie vorbeiziehen. Sie kennen ihn nicht und begegnen seiner kühl. Eine Führerin blickt verstohlen auf den Zettel in ihrer Hand. Sie kann sich diesen Namen einfach nicht merken. Hastig führt sie die Menschen weiter. Fotos knipsen, sein Namen verwuchert mit Moos. Bestiftete gibt es nicht mehr, seine Taten eine leere Fußnote. Es war seine Stiftung, es war sein Name, sein Name war sein Stolz.