Schwanensee

Es ist die Angst, die mich frisst – der tief in den verrosteten Enterhaken meiner Seele eingerastete Schrecken, der mich Nachts aus dem mit Schweiß getränkten Bett aufschrecken lässt: Diese Angst, diese unbändige Angst, tanzt mit den federleichten Schritten einer blassen Ballerina über das stumpfe Parkett meiner Träume. Sie dreht sich unentwegt um die eigene Achse, den rechten Arm empor gestreckt, die feingliedrige Hand angewinkelt und auf den Kopf gerichtet – eine ganz und gar unnatürliche Körperhaltung bei genaueren Betrachtung, doch gerade dies, jene Körperhaltung, jene Verkrüppelung ihrer selbst, verbunden mit dem irrlichternden Anmut einer zerbrechlichen Elfe, zieht mich beim Blick durch das graue Milchglas unentwegt in den Bann. Ich kann mich ihrer nicht erwehren – ich muss ihr einfach zusehen, der Angst, wie sie ihre Pirouetten dreht und Fouettén peitscht und sich dem Takt der blechernen Trommeln aus dem fernen Wiederhall der Lautsprecher hingibt.

Doch ist die Angst nicht auch nur ein Moment, ein Augenblick der Vergänglichkeit, die sich um ihrer selbst willen am Leben erhält? Trittst Du nämlich hinter dem Milchglas hervor und blickst in die pechschwarzen Augen dieses tanzenden Derwisch und zögerst Du nun, Deinem Zögern zu vertrauen und setzt wieder einen Fuß vor den anderen und spürst die Eiseskälte der Angst, die sie versprüht, um Dir zu entgehen, dann wirst Du sehen wie sie schrumpft, diese Ballerina, wie die Angst ihren Schrecken verliert, wie sie kleiner wird und langsamer, wie sie erstarrt in ihrer Armseligkeit und jede Energie verliert, die sie auf den Zehen hält, wie die Angst vor Dir kapituliert, wenn Du Dich über sie beugst und das in sich kauernde Häufchen Elend in Deine Hand nimmst und es triumphierend von allen Seiten musterst.

Und dann schaut sie Dir verstohlen in die Augen und plötzlich siehst den Abgrund vor Dir! Die Angst, ja DIE Angst, mag ein Däumling sein, doch am Ende bleibt sie treu an Deiner Seite ergeben. Erschrocken lässt Du Sie aus Deiner Hand fallen und ehe Du Dich versiehst und Dich nach Deiner Angst bückst, bläst Dir auch schon der der eisige Zug des Schwanensees ins Gesicht. Nun dreht sie sich wieder, die Ballerina, schneller und schneller, rotiert wie Brummkreisel ohne Farben und jedes Geräusch. In ihrer Gravitation schluckt sie alles, was einst Deins war, Deine Erinnerungen und Deinen Antrieb, Deine Kreativität und Deine Last, sie saugt einfach alles in sich rein, was sich ihrer nicht erwehren kann.

Wenn Du Deine Augen wieder öffnest, wenn der Sturm vorbei ist, wenn Du Dich leer fühlst, weil Du leer bist, wenn Du Deine Lieder hebst, befreit von tonnenschweren Blei Deines schweren Gewissens, dann steht sie wieder da, diese blasse Ballerina und schlägt federnd ihr Battement. Erleichtert atmest Du auf, Du hast der Angst ein Schnippchen geschlagen. Sie vermag Dich in ihren Bann zu ziehen, sie vermag Deine Träume zu fressen, doch sie wird es nicht wagen Dich zu  verschlingen. Denn dann wäre die Angst ohne Macht, dann wäre die Angst tot.

Was bleibt, ist das Wippen des Fußes zu den Klängen von José Sabía. Der Blick neigt sich zu Boden. Die neunte kaki-braune Fließe in der sechsten Reihe von links hat einen Sprung. Sie müsste mal getauscht werden.

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~ von Annabell M. - 15. November 2011.

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