Alltag

Eine kühle Windböe sammelt sich in der Häuserschlucht und durchweht meine Haare. Schweigend stehe ich vor der Glastür und senke meinen Kopf. Meine rechte Hand verschwindet unauffällig in der Schultertasche und tastet vorsichtig nach dem großen Schlüsselbund. Unsichtbar schleicht ein älterer Herr mit hochgeklappten Kragen am Haus vorbei. In meinem Rücken quietschen die Bremsen eines Busses, der zentimetergenau am weißen Bordstein der hell erleuchteten Haltestelle hält und sich seiner schweigenden Fracht entledigt. Ein graues Duzend Menschenleiber verläuft sich in den Gassen und grüßt sich nicht. Der Morgen ist nur in Erzählungen poetisch.

Leise klackt das Schloss und nach einer weiteren Umdrehung des Schlüssels ist der Bolzen in der Schließe verschwunden. Mit kräftigen Druck schiebe ich die Tür auf und trete in das Café ein. Schnell verschließe ich wieder den Eingang und lasse einen Augenblick lang den dunklen Raum mit seinen sechs Tischen aus Pinienholz auf mich wirken. Der Duft von gemahlenen Kaffee steigt in meine Nase und verbindet vor meinem Auge mit dem Geruch frischen Backwerks zu einem harmonischen Gemälde aus Zucker, Blätterteig und Bohnen. Mein Blick folgt dem Laternenschein, der durch das Fenster zur Nordseite in den Raum fällt und ihn diagonal durchschneidet. Die Glasmenagen brechen das orangene Licht und funkeln wie kleine Sterne. Unweigerlich bahnt sich ein Lächeln auf mein Gesicht.

Langsam bewege ich mich auf den Tresen zu lege meine Tasche ab. Der Schlüsselbund klimpert, als der Shopper zu Boden fällt. Mein rechter Zeigefinger drückt die Hebel der Sicherungen hoch. Unverzüglich tönt das flüsternde Summen der geschlossenen Stromkreise aus dem Kasten. Sekunden später piepst bereits die Registerkasse und blinkt mir mit seiner blauen LED über den Tastenfeld ein fröhliches „Guten Morgen“ entgegen. Am Eingang schaut ein junges Gesicht neugierig in den Raum, doch ich gebe ihn ein Zeichen, dass er sich noch eine Dreiviertelstunde gedulden muss, bis ich ihm Einlass gewähre. Enttäuscht wendet sich der Junge ab. Sein Frühstück liegt heute an einer anderen Stelle seines Schulwegs.

Blind bedient die rechte Hand die Knöpfe der CD-Anlage – Power, CD-Player, vier Mal Vorwärtstaste – während die sich die linke nach einer Espresso-Tasse im Wandregal streckt. Der Kaffeeautomat wird nun auch seinem verdienten Schlaf geweckt. Er könnte mir fast leidtun, da nun wieder ein anstrengender 10-Stunden-Tag auf ihn und seine Mühle wartet. Doch wie an allen Tagen reibt er sich nur rumpelnd den Sand aus den Augen und bereitet klaglos den ersten Kaffee des Tages zu. Mein rechter Zeigefinger drückt die Taste „Play“. Tief ziehe ich den verlockenden Duft des schwarzen Goldes in meine Nase und spüre, wie der warme Dampf meinen Rachen herunter gleitet.

„Non! Rien de rien … Non ! Je ne regrette rien“, singt mir Édith Piaf ein Morgenständchen und in diesem Moment bereue ich nichts. In fünfzehn Minuten klopft es an der Tür und die frischen Backwaren werden in einem großen, roten Plastikkorb in den Laden getragen. Wie immer wird Sabine fünf Minuten später auftauchen und mit ihrem Handy am Ohr das Café zum Leben wecken. Routiniert und schnell verschwinden die Brötchen, der Kuchen und das Gebäck in der Auslage, ein Rundgang noch und dann öffnen sich die Türen für alle Gäste, die das Auge im Sturm des Alltags suchen.

Non! Rien de rien. Je repars à zéro.

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~ von Annabell M. - 2. September 2010.

7 Antworten to “Alltag”

  1. Müde Augen. Würde gerne weiterlesen, aber muss sehr nah an den Bildschirm. Kannst du die Punktzahl ein wenig erhöhen:-)
    Leider mach weiß auf schwarz auch die Augen müde.

    • Hm, ich würde es tun wenn ich wüßte wie 😉 Wenn Du magst, sende ich Dir die Texte per Email zu. Dann kann man sie wirklich besser lesen ^^

      Liebe Grüße,
      Annabell

  2. yep, kannst du gerne machen, e mail müsstet du sehen könnnen

  3. wen du willst mail ich dir, wie es funktioniert

  4. Ein toller Text 🙂
    Seltsamerweise taucht der Alltag immer wieder in den Kreativitäts-sektoren des Gehirns auf, nicht wahr?
    Ab und zu wird einem eben bewusst wie automatisch der Körper dem Geist vorweglebt. Und wenn man ihn mal einholt, resultieren daraus Gedanken wie der, welcher Gegenstand deiner Geschichte ist 🙂
    Großartig beschrieben!

  5. schön geschrieben…

  6. kopiere mir die Texte jetzt in mein Schreibprogramm 🙂
    Wir leben ja momentan in einer STRG_c copy Welt.

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