Flecken im Tagebuch

Langsam tropfen die Worte aus dem Speichel meines Geistes auf das Papier. Benommen schaue ich auf das karierte Blatt und bewundere den noch feuchten Fleck, der sich vor meinen Blicken scheut und um sein Leben zu tanzen scheint. Er bewegt sich erst langsam, dann immer schneller zum Takt meines Herzschlags. Immer schneller, immer ekstatischer flitzt er über den Bogen, mit jeder Bewegung verliert er an Masse und hinterlässt Kondensstreifen aus Lettern. Meine Augen folgen seinem Lauf, er versucht sich zu verstecken, sich zu verleugnen, er erwehrt sich meiner Augen, dem einnehmenden Blick einer Scharfrichtern des Wortes.

„Bitte laß‘ mich in Ruhe mein Werk vollenden“, scheint der Fleck zu schreien, der ohne Atmen auf die nächste Seite rutscht. „Du verlangst unmenschliches von mir! Ich bin nur ein Geistesblitz ohne Anspruch auf Vollendung, doch wer sich meiner annimmt, kann das Ende des Tunnels sehen. Fürwahr, ich vermag mit Macht Dein Leben zu sprengen, es aufzurütteln, es unter den Trümmern Deiner Weltordnung zu verscharren. Doch es ist kein Grund, mich zu jagen, wie ein schwaches, altes Tier. Denke immerdar, wessen Ursprung ich entflohen bin. Du hast mich geboren, in einer Stunde des Zweifels, der Ruhe oder des Glücks sogar. Ich wäre nicht ohne Dich und doch bin ich kein Kind Deines Anspruchs auf die Wahrhaftigkeit. Folgst Du meinen Schritten und bewahrst meine Lettern, so führe ich Dich in eine Welt, die Dir fremd zu sein scheint. Vertraust Du meinen Worten und beschützt seine Seele, so erkennst Du eine Welt, die Dir nahe zu sein scheint. Ich bin alles, wonach Du Dich sehnst, auch wenn es das Andere in Dir erweckt.“

Leise klappe ich das Buch zusammen und schaue verträumt aus dem Fenster. Über den Horizont kleben graue Wolken aus winzigen Wasserelementen, die sich zu einem Schauer über dem Weizenfeld sammeln. Ein kleiner Regentropfen kämpft an der Fensterscheibe gegen den peitschenden Fahrwind des Zuges an und kann sich dem Macht nicht erwehren. Nach wenigen Augenblicken lässt er los und fliegt verloren auf den Schotter der Schienen. Derweil sitzt mir ein Mann mit riesigen Ohren gegenüber und starrt mich an. Er mustert meine Beine, die im weich im Schein der Deckenbeleuchtung wippen. „Entschuldigen Sie“, erhebt er seine Stimme, „Wollen Sie mit mir schlafen?“. Sein zerfurchtes Gesicht läuft rot an. Ich lege meinen Kopf zur Seite und mustere seine nikotingelbe Lederhaut. „Wollen Sie mein Tagebuch lesen? Ich habe eben meinen letzten Eintrag fertig gestellt. Er ist noch ganz frisch, sozusagen jungfräulich. Die Tinte müsste noch feucht sein – ich hatte schon Angst, das Buch zuzuschlagen. Das gibt blaue Flecken auf den Seiten, verstehen Sie? Das sieht nicht gut aus, es verschandelt das Buch. Dabei ist es doch so wichtig, seine Gedanken zu pflegen, sie sauber zu halten. Wie können Sie dann in einem befleckten Buch ihre letzte Ruhestätte finden? Würden Sie das wollen? Ich glaube nicht, Sie sehen nicht aus wie ein Mann, der schmutzige Gedanken auf schmutziges Papier kritzelt. Deshalb, seien Sie bitte vorsichtig, wenn Sie das Buch lesen und verwischen Sie nichts.“

Ohne eines Wortes erhebt sich der Mann mit den großen Ohren und taumelt zitternd aus dem Abteil. Ich lächele in mich hinein. „Du hast also meine Botschaft verstanden“, wispert der Geist in meinem Herzen. Ich schließe die Augen und nicke. Ganz viele Regentropfen prasseln auf das Dach des ICE und sammeln sich zu vielgliedrigen Bächen, die sich am Fenster hinunterstürzen. Der Mann mit den großen Ohren schiebt mit seinen großen Füßen die Schiebetür des Abteils auf und trägt zwei dampfende Becher in seinen Händen. „Kaffee?“, fragt er? „Danke“, antworte ich und nehme ihm die Fracht ab.

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~ von Annabell M. - 29. August 2010.

6 Antworten to “Flecken im Tagebuch”

  1. bist eine Poetin.

  2. Lange habe ich gewartet, dass Du uns wieder teilhaben lässt an Deiner Gedankenwelt. Und als ich die Hoffnung schon ganz aufgab, kamen zwei wunderschöne neue Einträge. Chapeau meine Liebe, ich lese wirklich viel und je älter ich werde, umso schwieriger wird es mich zu berühren. Ich bin wirklich schwer zu beeindrucken. Dies hast Du wieder mal geschafft 🙂 Bitte, lass uns diesmal nicht wieder zu lange warten… Dich zu lesen ist wirklich ein Segen in dieser grauen Welt.
    Lg,
    Nayla

  3. wow. mehr fällt mir dazu nicht ein … meinen respekt.
    würde gerne schreiben können wie du.

    Liebe Grüße, blackwhite butterfly

    • Vielen lieben Dank, schwarz-weißer Schmetterling ^ Wie ich Deinem Blog entnehmen kann, möchtest Du doch Germanistik und Philosophie studieren. Da hege ich keinen Zweifel daran, dass Du nicht auch wunderschön schreiben und dichten kannst, hihi.

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