Das Wunder

Stolz streckst Du Deine verwitterten Ziegel in die Höhe und trägst die ganze Last der Geschichte auf dem schwachen Gerippe Deines alten Dachstuhls. Du atmest den Geist eines aufkeimenden Wunders, trägst die Utopie der frühen Republik in Dir. Mit wachen Auge sahst Reiter mit Säbeln durch die Straßen ziehen, Du wurdest feierlich geschmückt für des Kaisers Kleider und verbrannt unter den Wirren der Revolution. Wiedereröffnet und besiegt durch Deine Befreier, missbraucht und geschändet durch braune Herden, blicktest Du dem verheerenden Feuersturm der alles fressenden Bombennächte in das lodernde Auge.

Voller Narben, schwach und gebrechlich, richteten Dich schmutzige Frauenhände wieder auf. Breite, schwarze Adern aus Teer und Asphalt durchzogen schon bald die Neue Stadt. Auf ihren Gassen vollzog sich das graue Wunder der leeren Gesichter, eine bleiche Symphonie mit den Klingeln der Registrierkassen, dem Quietschen der Straßenbahn und dem unerlässlichen Brummen der Käfer und Enten. Das Wunder, oh Wunder, blieb in diesem Eintopf liegen und fraß sich einen dicken Bauch. Schon bald war der Saum der Innenstadt zu eng für seine Hüfen und der Konsum platze in die Vorstädte.

Vom grauen Wunder verlassen, zogen seine bunt gewandten Kinder in Deine verlassenen Räume. Sie rissen die Bretter von Deiner Fassade und ließen sich verträumt auf Deinen kahlen Boden nieder. Sie sangen fröhliche Lieder vom Heil einer fröhlichen Welt und fühlten nicht den giftigen Stachel des Lebens in ihrem Fleisch sitzen. Fürwahr, niemand zählt die Illusionen, die in Deinem Heim zugrunde gingen, niemand weiß um die jungen Seelen, die zwischen Deinen blanken Wänden ihren Glauben verloren. Mit dem Gestank des Siechtums kamen die Insekten und mit den Insekten kam die Polizei.

Sieh an, das Wunder, verzehrt von seinen vielen Krisen und Diäten, erinnerte sich Deiner wieder. Erneut sammelten sich Hundertschaften zu Deinem Fuße, um sich Deiner Hab zu werden. Erbarmungslos zogen sie die vermummten Bengel aus Deinem Herzen, schlugen mit Knüppeln auf sie ein, schonungslos wurdest Du entkernt, ausgenommen und ausgeschart, Deiner Geschichte beraubt und an den Tropf gehängt.

Du öffnest Deine Augen und bewunderst Deine neuen Kleider. Im zarten Biedermeier-Rock strahlst im matten Gelb auf die Straße herab. Aus Deinem Innern entweicht der köstliche Duft frischgemahlener Kaffeebohnen und das Murmeln der Enkel ist nur im Inhalt leer. Vorsichtig strecke ich meine Hand aus und berühre Deine Wand. Ich weiß, dass Du Dich an mich erinnerst. Steine vergessen nie.

Ich gehe einen Schritt zurück und schaue durch Deine Fenster. Eine junge Frau sitzt vor ihren Geranien und liest ein Buch. Ich möchte zu ihr gehen und mit ihr sprechen, doch ich kann nicht. Ich bin jetzt ein Teil Deiner Geschichte. Die Arbeit ruft, um das Wunder zu erwecken.

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~ von Annabell M. - 23. August 2010.

11 Antworten to “Das Wunder”

  1. Wow. Harter Tobak. Liest man dies, kommt man doch arg in´s Grübeln. Interessanter Stil. Gefällt mir.

    • Lach, Danke schön für Deinen Kommentar. Ich versuche mit meinen Texten die Leser zum Nachdenken anzuregen, in der Hoffnung, dass vielleicht der eine oder andere etwas bewußter durch den Alltag wandelt… ^^

      Liebe Grüße,
      Annabell

  2. Immer, wenn ich was von dir lese, versuche ich, jeden Satz aus allen Perspektiven zu sehen / zu durchleuchten, den Hintergrund dieser schönen Dichtung zu verstehen.

    Manchmal gelingt es mir, manchmal nicht.
    Wenn nicht, dann hinterlässt es so ein Loch in meinem Bauch 😀

    Bitte mehr posten, bin ganz vernarrt!!!

    lg

    • Liebe Svetlana,
      Deine Worte sind Balsam auf meiner Seele. Aus ganzem Herzen, vielen vielen Dank für Deine Worte! Ich hoffe, dieses Wunder hinterläßt kein Loch in Deinem Bauch. Baue Dir ein Haus und gebe ihm ein Heim ^^

      Liebe Grüße
      Annabell

  3. Einem so talentierten Menschen MUSS man doch sein Lob aussprechen! =)

    So, das Loch im Bauch ist jetzt wieder weg^^ 😀

  4. Der Beitrag gefällt mir nur leider kenn ich das Haus nicht sollte es wirklich ein Haus sein 🙂

  5. Ich bewundere deine Art des Schreibens und deine Wortwahl. Alles fließt und ist so leicht.. Das gefällt mir sehr sehr gut! 🙂

    • Vielen lieben Dank für Dein Kompliment ^^. Wenn selbst schwere Kost noch auf einer leichten Reiswaffel durch die Höhe schwebt, haben meine Worte das Ziel erreicht, hihi.

      Liebe Grüße
      Annabell

  6. Okay und JETZT machst du mir Angst 😀 😀

  7. 🙂 schön wieder von dir zu hören, und hinzu kommt, dass diese story einen sehr interessanten Kern hat!
    Großartige Ideen die du für gescihchten hast, viele Menschenleben und Generationen ein eigens von Menschenhand errichtetes Gebäude erlebt…

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