Des Panthers Tagebuch

Der Tag, an dem dieser Blog das Licht der Welt erblickte, war hell und sonnendurchflutet. Eine große Welle des Optimismus schlug über die Küste meines Geistes und malte eine wunderschöne Komposition aus Kreativität und Einfallsreichtum vor meinen inneren Auge. Dieser Blog sollte unter keinen Umständen an Textarmut oder Ideenlosigkeit eingehen, so lautete mein Plan, dieser Blog soll anders sein,  denn ein Leben, das soviel zu bieten hat wie meines, wird unzählige Geschichten zu diktieren verstehen. So sollte dieses schreckliche, weiße Monster auf dem Monitor Woche für Woche mit vielen, schwarzen Buchstaben zu bändigen sein – kein Problem für Frau M. aus D.

Bereits um 7.30 Uhr klingelt der Wecker. Der Faulpelz würde im Bett liegen bleiben, ich jedoch erhebe mich gut gelaunt aus den Federn und sage mir: Um neun fange ich zu schreiben an. Ich nehme mir vor, exakt um 8:30 Uhr mit den Morgenprozeduren fertig zu sein und verwende dazu einen alten Trick aus der Rumpelkiste der Selbstdisziplin. Man lege eine CD ein, die frau sehr gut kennt, und schreibe anschließend folgenden Ablauf auf einen Zettel: Am Ende von Track 1 sind meine Zähne geputzt, nach Track 2 bin ich mit dem Duschen fertig, nach Track 3 stehe ich in Unterwäsche im Bad und wenn Track 4 verklungen ist, dürfte mein Gesicht schon eingecremt sein, und so weiter.

Auch heute ist mein Vorhaben vom Glück beseelt. Punkt 8.30 Uhr fährt mein Computer hoch, fünf Minuten später laufen die ersten Emails ein. Nun beginne auch schon an einen Text zu denken – eine grobe Struktur – ich weiß auch schon, wie ich den Blogeintrag thematisch anlegen könnte. Ich öffne ein leeres Word-Dokument und um 8:50 Uhr renne ich in mein Schlafzimmer, um mir meine Trainingshose anzuziehen – Wellness meets Crosstrainer. Eigentlich gehe ich höchstens zweimal die Woche in das Fitnessstudio meines Vertrauens , das letzte Mal vorgestern, ich müsste also keineswegs ausgerechnet heute trainieren, doch eine gute Idee muss im Schweiße des Angesichts eben überdacht werden.

Nach dem Training klopft der Magen an die Bauchdecke. Auf halbem Wege zwischen dem Sportstudio und meiner Wohnung liegt ein feines Café, fast so schön wie meines, doch heute zieht es mich 20 Kilometer östlich nach Dieburg, in eine schreckliche Literatureinrichtung, um genau zu sein, wo der Kaffee fad und das Gebäck öde schmeckt. Schnell noch ausgiebig sämtliche Tageszeitungen studiert, denn es könnte ja sein – so sage ich zu mir selber – dass ich bei der Lektüre auf etwas stoße, das meinen anstehenden Text noch bereichern wird.

Gegen 12:00 Uhr kehre ich nach Hause zurück, doch noch vor der Haustür halte ich inne: Ist nicht vor einigen Tagen im Badezimmer die Glühbirne erloschen? Sollte ich daher nicht dringend ein Elektrofachgeschäft aufsuchen? Gott sei Dank wartet es ein solches nur wenige Kilometer entfernt auf meinen Besuch. Dort allerdings muss ich erfahren, dass das erforderliche Leuchtmittel momentan käuflich nicht zu erwerben ist. Spätestens an dieser Stelle sollte mir bewusst werden, dass mein Badezimmer auch von zwei statt drei Lampen noch ausreichend erhellt wird, doch ungeachtet der Angst, beim Schminken den Spiegel nicht finden zu können, fahre ich in das LOOP5, und weil ich schon einmal dort bin, kaufe ich mir gleich noch eine Hose, denn Hosen braucht man immer.

Etwa gegen 15:00 Uhr beginnt das auf- und abgehen in der Wohnung, welches sich über Stunden hinziehen kann. Wie ein Panther durchpflüge ich meine Räumlichkeiten. Der Leser möchte an dieser Stelle vielleicht innehalten und sich fragen, ob das ein anschauliches Bild ist: Ein Panther, der einen Pflug zerrend den Teppichfußboden aufreißt? Ja, antworte ich, das ist ein sehr anschauliches Bild für ein gelähmtes, sich selbst bemitleidendes Wesen.

Ich bin mir meiner Befähigungen durchaus bewusst. Umso mehr schäme ich mich, den Anfang eines roten Fadens einfach nie finden zu können. Meine Schuldgefühle sind so stark ausgeprägt, dass sie mir gelegentlich physische Schmerzen bereiten. „Wie, Du kannst nicht? Du muss sich doch nur zusammenreißen“, würden meine Freunde rufen, erzählte ich ihnen von meinem Problem, doch ich habe noch nie mit jemandem darüber gesprochen. Ich bin mir übrigens sicher, dass sich der einzige Mensch auf der Welt bin, bei dem diese – ja –Behinderung so intensiv ausgeprägt ist wie bei mir. Anderen traue ich allenfalls ein genussvolles Innehalten auf dem Sofa vor, ehe sich DIE Idee auf dem Boden einer Chipstüte finden lässt.

Nach zwei, drei Stunden des mit Selbstvorwürfen angereicherten herumpantherns muss ich etwas tun, sonst platze ich. Ich frage mich, ob ich nicht mal den Küchenboden wischen sollte, nachdem das gestern schon so gut geklappt hat. Diese Frau, diese arme Frau, die ihren Lesern so dringend einen Blogeintrag schuldig ist und nicht schreiben kann, weil sie Angst hat, sie könne im Verlauf der Arbeit an einen Punkt kommen, an dem sie nicht weiter weiß, oder an eine Stelle, an der ihr klar wird, dass sie auf dem falschen Weg ist, weswegen sie erst gar nicht anfängt, sich auf einen Weg zu machen, diese arme, arme Frau beginnt nun, sämtliche Gläser, Teller, Pfannen, Töpfe usw. aus den Küchenschränken herauszuholen, um die Abstellböden in den Schränken mit feuchtwarmen Tüchern abzuwischen! Mit trockenen Tüchern reibt sie anschließend jedes einzelne Geschirr ab, bevor sie alles wieder in die Schränke stellt. Drei Stunden dauert das.

Anschließend fährt sie den Computer herunter und ruft Julia an, die sie gestern gefragt hatte, ob sie nicht am nächsten Abend mit ihr etwas essen gehen möchte, was mit einem Hinweis auf die zu tätigenden Schreibarbeiten abgelehnt werden musste. Jetzt sage ich zu Julia: Du, ich kann doch! Es gibt eben nichts über eine ausgeprägte Schreibblockade ^^

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~ von Annabell M. - 20. März 2010.

15 Antworten to “Des Panthers Tagebuch”

  1. *lächl*

    Ach Annabell, du nimmst mir die Worte aus dem Munde… Wahnsinn so eine Blockade, nicht? Gerade bei Fortsetzungen von Broken.Memories geht mir das durch Mark und Bein!!
    Ich habe mich hiermit wie gewohnt dürstern auf dein neues Werk gestürzt!
    Wegen dir aktualisiere ich meine Feeds alle halbe Stunde 🙂
    Deine Art zu schreiben, und die „Honigtaucherin“ nimmt zunehmend einen Platz in meinem Alltag und Interesse ein – alle Achtung !!

    Liebe grüßle
    der cúron =)

    • Hey cúron,
      wie immer schaffst Du es, mich sehr verlegen zu machen. Vielen Dank für Deine Blumen! Ich stelle sie in eine teure Vase aus Bergkristall und lasse sie am Fenster durch die morgendliche Frühlingssonne bescheinen. In ihrem Licht schimmern Deine Worte so schön ^^.

      Liebe Grüße
      Annabell

      • Oui, in ihrem Licht glitzert alles schön, nech? 🙂

      • Da braucht man mindestens eine Sonnebrille für ^^. Da fällt mir ein: Lassen sich die 3D-Brillen aus den Kinos auch als Sonnenbrillen mißbrauchen (theoretisch natürlich)?

      • Naja, fragt sich was teurer ist 😉
        Einmal 3D – Kino um so eine Brille zu bekommen oder einfach eine Sonnenbrille kaufen… 😉

  2. Ja, das finde ich auch, Deine Art zu schreiben ist absolut köstlich, könnte durchaus dem Schokoladennaschen Konkurrenz machen.
    Liebe Grüße und ein Hoch auf das Bloggen!

    • Hihi, das ist ja ein süßer Vergleich (im wahrsten Sinne des Wortes ^^). Ich hoffe nur, der Genuss meines Blogs macht nicht dick oder verursacht Karies, lach. Bloggen ist wirklich etwas wunderbares, vor allem wenn ihre Saat so schöne Früchte trägt, wie in diesem Kommentarfenster ^^. Allerdings hätte ich es nie für möglich gehalten, dass das Schreiben eines kurzen Textes soviel Mühe machen kann, wie bei meinen letzten beiden Beiträgen. Hoffentlich verlässt mich die Muße nicht, lach.

  3. liebe annabell,

    wie schön, du beschreibst die schreibblockade wirklich wunderbar. und zu deiner disziplin sage ich nur RESPEKT.

    liebe grüße, katerwolf

    • Lieber katerwolf,
      vielen Dank für Dein schönes Kompliment. Ich bin mir sicher, dass sich meine Schränke auch über mein Putz-Disziplin sehr freuen, lach.

      Liebe Grüße
      Annabell

  4. Einfach wieder ein wunderschöner Beitrag, der mir meinen Sonntag versüßt und mich daran erinnert das ich mir noch Aufgaben für die Klausur am Mittwoch ausdenken muss. Stichwort Schreibblockade… Mit dem wohligen Gefühl hierbei nicht allein auf der Welt zu sein sehe ich vergnügt der Sonne beim wandern zu. Einer muss ja auf sie aufpassen…
    Vlg

    • Lach, dann möchte ich mal hoffen, dass Deinen Studenten am Mittwoch nicht auch eine Schreibblockade ereilt. Als personifizierte Prüfungsangst kann ich ihre Nervösität förmlich mitzittern ^^.

      LG Annabell

  5. ein schöner und lesenswerter blog, den du du hast.

    wenn dich das nächste mal eine schreibblockade quält, darfst du gerne meinen fußboden wischen, wenns dir hilft. 😉

  6. Hallo, nachdem Du bei mir kommentiert hast, muß ich doch mal schauen, was man so in Deinem Blog entdecken kann. Speziell dieser Beitrag hat es mir angetan. Ich gehe mal davon aus, dass dieser Tag für Dich aus purer Langeweile bestand. Nichts hat Dich wirklich so umgehauen, dass Du das Gefühl des Glücks empfunden hättest. So hast Du zumindest Deine ganze Energie in das Putzen hineingesteckt und für eine Weile ein Ergebnis der Reinheit. Das ist mit Sicherheit doch besser, als möglicherweise über das Wetter zu bloggen.

    Ich wünsche Dir Beiträge, die aus der der Freude am Schreiben entstehen und solche, in denen Du Deine erfreulichen Momente Deines Lebens mit Deinen Lesern teilst.

    Alles Liebe und Gute für Dich!

    Liebe Grüsse
    🙂

    • Vielen Dank für Deinen Kommentar. So wirklich langweilig gestaltete sich dieser Tag nicht, wie Du nachlesen kannst ^^. Es war mehr das Gefühl des wollens-und-nicht-könnens, das mich bei diesem Text umtrieb. Dieses vor-sich-her-schieben und dem umausweichlichen-ein-Schnippchen-schlagen wollen. Am Ende hat mich die Schreibkunst ja doch gepackt, auch wenn ich tunlichst vermeiden wollte, ihr über den Weg zu laufen. Manchmal lässt sich das Glück eben nicht austricksen, lach.

      Liebe Grüße
      Annabell

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