Lena Meyer-Landrut

Lena Meyer-Landrut ist ein süßes Mädchen, das süße Mädchensongs wie Honig in das Mikrofon tropfen lässt. Sie steht auf der Bühne, wie ein junges Rehkitz auf der Waldlichtung, die kugelrunden Kulleraugen weit aufgerissen, bereit, der großen, weiten Welt ihr Herz zu offenbaren, wie es schlägt, wie es pumpt, wie es mit jedem Schlag neues Leben durch die Adern bahnt. Dazu bewegt sie sich leichtsinnig und unbeholfen wie eine unsichtbare Marionette über den glänzenden Steg der Eitelkeit, einzig gehalten und geführt von den blitzenden Funken ihrer Inspiration. Lena ist in diesem Moment, sie lebt in diesem Moment, sie bezaubert in diesem Moment, und schreibt mit großen Lettern das Wort „Unschuld“ in den kalten Schnee des grauen Alltags.

Es wurde ein „Star für Oslo“ gesucht und gefunden. Nur nebenbei, gar nicht bewusst, flimmerte Anfang Februar die erste Folge der Castingshow über die Mattscheibe meines Fernsehers. Martin ist ein begeisterter Allesgucker, insbesondere wenn es darum geht, kleine Forstbewohner zu beobachten, die von den Bluthunden der Medienvampire aus dem sicheren Schutz des Waldes auf das große, weite Feld der Öffentlichkeit getrieben werden, um am Futtertrog des Starruhms zu verkümmern und fortan als Zombie durch unlösbare Rätsel bei 9Live zu irren.

Diese Show bot sich geradewegs dazu an, weitere Opfer der Vermarktungsmaschinerie zuzuführen, denn wenn das Fernsehen in den letzten Jahren eines bewiesen hat, dann das Talent zur nackten Quote über geschändete Leichen. Klar, Stefan Raab ist nicht Dieter Bohlen und die ARD nicht RTL, und doch hörten wir schon die Produktmanager und Eventprofis mit den Hufen scharren, jenen Gesellen, die es kaum erwarten konnten, sich gierig auf das frische Jagdgut zu stürzen, um es ihres kostbarsten Gutes zu berauben – ihrem jugendlichen, frischen Blut. Doch da tauchte plötzlich diese Lena auf, so unbekümmert und gesegnet mit einer Aura purer Originalität, um die Plastikmaschine für einen Moment anzuhalten – sie hatte das Publikum einfach mit etwas Echtem geküsst und für einen Augenblick in ihren Bann gezogen.

Und nun sie plötzlich da, die süße Lena Meyer-Landrut, das zu Fleisch gewordene Bambi aus dem Dickicht der Namenlosen, die keck und ungefragt ihre Nasenspitze aus dem Gehölz steckt und den Duft der Prominenz schnuppert. Auf wackligen Beinen stolpert sie aus dem Unterholz und präsentiert sich, lächelt den Profitprofis ins Gesicht und blickt über ihre Häupter hinweg, den Horizont wahren Glanzes in ihren Augen. Doch schon werden Betäubungspfeile auf sie geschossen und bohren sich zielgenau in ihre Brust. Das tödliche Gift der Vermarktung schießt schon durch ihren Körper, das Opium des kleinen Ruhms zerrt an ihren Sinnen. Selig sinkt sie zu Boden und pfeift ein kleines Lied, während sie nach Oslo verschleppt wird, wo sie mit den Tieren aller Wälder ihre Kräfte messen soll. Da wird sie stehen, das Rehkitz, neben unzähligen Igeln, Füchsen, Eichhörnchen, Wildkatzen und Bären. Die Manege ist frei, der Circus Maximum eröffnet. Das Hauen und Stechen wird Opfer fordern, viele Opfer, und wie jedes Jahr wird nicht jede Karriere diesem unerbittlichen Hühnerkampf um nationale Ehre und Stolz überleben.

Lena Meyer-Landrut ist ein süßes Mädchen, das süße Mädchensongs wie Honig in das Mikrofon tropfen lässt. Sie wird in Oslo ihre Unschuld verlieren – wie sollte es auch anders sein – und sie wird viele ihrer bunten Federn auf dem Schlachtfeld der Unerbittlichkeit lassen. Die Eulen werden ihr attestieren, nicht singen zu können, die drei Löwen werden ihr attestieren, kein Englisch zu beherrschen, und die Schlange wird ihr attestieren, kein echtes Talent zu besitzen. Vielleicht haben sie sogar recht damit. Lena piepst, Lena plappert, Lena fuchtelt. Und doch berührt sie die Herzen, sie umspielt  unsere Seelen, da sie uns etwas gibt, was in diesen Tagen so kostbar, so einmalig und fremd ist, dass ihr Antlitz wie ein Diamant in unseren Händen liegt:

Sie gibt uns ein ehrliches Lächeln. Danke für diesen Moment!

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~ von Annabell M. - 16. März 2010.

7 Antworten to “Lena Meyer-Landrut”

  1. Oh man, wie du schon sagtest kam auch ich eher zufällig dazu das Finale dieser Sendung mitzuerleben, und war wirklich erstaunt wie so ein Mensch in die nunmehr Top 2 einer solchen Unterhaltungsserie kommt !
    Einerseits habe ich mir gedacht, sie kann doch gar nicht singen, oder tanzen – was also sucht sie dort? Das klingt auf den ersten Blick abwertend, ging aber einher mit der zweiten meiner spontanen Eindrücke. Denn andererseits schenke sie eben all den Hunderttausenden von Zuschauern ein ehrliches Lächeln. Keines das im Mangel von Zeit und Material hastig mit einem schmierigen Edding auf die Rückseite eines 50 € Scheines geschrieben wurde, nur um einen Platz auf der Liste eines Vermarkters zu bekommen. Keines das wir für den Augenblick sehen, registrieren und am Ende des Tages schon wieder vergessen haben.

    Lena Meyer-Landrut lächelte für uns, und bekam einen Platz im Herzen der Menschen. Eine bleibende Erinnerung, geprägt von Freude aber auch von Mitleid. Dein Vergleich zu Bambi finde ich super! Ein naives, harmloses und neugieriges Wesen, das fast schon aus versehen aus dem Schutz des Waldes in die andere gefährliche Welt stolpert.
    Es scheint mir als säße bei Managern an Stelle des Herzens eine Liste mit Plätzen, um die es sich für die meisten dieser Teilnehmer zu kämpfen lohnt. Sie war so komplett anders und passt nicht ins Bild.
    Der erste Gedanke „Sie ist so fehl am Platz“, bezog sich primär tatsächlich auf die Unstimmigkeit zwischen ihrer Person und dieser Welt „dort oben“ 🙂

    Finde ich toll, du findest wie immer die richtigen Worte!!

    Liebe grüßle,
    der cúron

    • Ich glaube, Lena hat mit anderen Casting-Phänomenen wie Paul Potts oder Susan Boyle mehr gemein, als mit ihren Vorbildern Kate Nash oder Adele: Sie ist keine klassische Songwriterin, die durch eigene Kompositionen auffällt, sondern vielmehr durch eine sehr unorthodoxe Erscheinung in einer Casting Show. Fernsehzuschauer haben gewisse Vorstellungen von den Persönlichkeiten, die sich auf solchen Bühnen die Blöße geben. Erwartet wird ein bestimmtes Maß an „Professionalität“ – wenn schon nicht hinsichtlich der musikalischen Leistungen, dann zumindest in der Selbstdarstellung – so dass süße Mädchen wie Lena mit ihrer vollkommen unbekümmerten und unschuldig authentischen Performance vollends aus dem Rahmen fallen. Das funktioniert auch eine Weile, bis das Publikum ob ihrer Art überdrüssig wird oder sich der Künstler durch äußere Einflüsse verbiegen lässt. Ich wüsste nicht, warum es bei Lena anders sein sollte, aber ich lasse mich natürlich gerne eines besseren belehren, lach ^^

  2. Hallo liebe Bloguera,

    bin auf diesen Beitrag hier ganz „zufällig“ gestossen; ein sehr origineller Text, der das ShowBiz mit seiner Medienmaschine und deren Opfer ganz gut beschreibt.

    Gut möglich, daß dies alles auch der Lena Meyer-Landrut widerfahren wird.
    Vielleicht unterschätzen wir diese junge Frau aber auch. Ich sah gerade die Videos vom Morgenmagazin u. von der Pressekonferenz in Hannover. Lena wirkte so souverän, ironisch distanziert und selbstreflektiert, daß ich irgendwie den Eindruck habe, sie ist eine ganz starke Persönlichkeit, eine reife Seele, die es schafft, die Kontrolle zu behalten.
    (oder die Szene, wo sie Sa. abend, nervlich schon belastet, von der Bühne flüchtet zu ihrer Mama und etwas unwirsch den Kameramann stoppt: „Ich bin jetzt fertig, Feierabend.“)
    Nun, mich erinnert diese junge Frau irgendwie an Parzival, den reinen Tor, der v.a. wegen der Reinheit seiner Seele die schwersten Aufgaben meistern kann und allmählich heilende Kräfte entwickelt.

    Lena trägt eine Ritterlilie auf ihrem linken Oberarm, vll. ist das mehr als ein x-beliebiges Tatoo.

    Hier noch ein Auszug aus einem Interview vom 6.3.:

    „WELT ONLINE: Wie wichtig ist das Lob, der Erfolg. Und wie wichtig das Singen?

    Meyer-Landrut: Singen ist eine der besten Möglichkeiten, weil man auch eigenes entwickeln kann, um seinen Gefühlen Form zu geben. Singen allein ist nicht so wichtig, wichtig ist, mit der Musik etwas zu geben, die Kunst etwas zu verändern, auch wenn es nur für Sekunden ist.

    WELT ONLINE: Was ist Ihre Erkenntnis nach ein paar Wochen Showbusiness?

    Meyer-Landrut: Bloß keine Rolle spielen, wenn man nicht Schauspieler ist! Das stelle ich mir ungeheuer schwierig vor – eine andere Person sein zu wollen, lieber ehrlich und echt, als gespielt und aufgesetzt.“

    Geniessen wir einfach den Momente-Zauber der Lena (geb. mit Venus Opp 0,5° Neptun/Uranus + Mond in Waage) und danken ihr mit positiven Gefühlen. Ich glaube, wir werden noch einige schöne Überraschungen mit ihr erleben.

    Schöne Grüsse
    Humphrey

    • Hallo Humphrey,

      vielen Dank für Deinen Kommentar ^^. Du hast mit Deiner Beobachtung natürlich recht, dass Lena sehr professionell mit den Medien umgeht. Ich glaube, da hat sie doch eine recht gute Schule genossen. Ihr Großvater war ein hoher Diplomat und ihr „musikalischer Mentor“ Raab ist ja auch nicht gerade bekannt dafür, seine Seele an die Boulevardmedien zu verramschen ^^.

      Allerdings glaube ich, dass es großer Teil ihres Zaubers aus ihrer jugendlichen Unbekümmertheit und ihrem Spaß an der Freude herrührt. Sobald sie das Gefühl beschleicht etwas machen zu müssen was ihrer Natur widerstrebt, wird sie schnell auf die Bremse treten und den Notausgang wählen. Das ist gut für sie, gut für ihre Kunst, aber schlecht für den Mainstream, lach ^^

      Liebe Grüße
      Annabell

  3. Ach ich bin da ganz optimistisch. Gegenüber der Peinlichkeit im letzten Jahr ist das was die Maus bringt um Längen besser. Und ich denke auch nicht, das sie durch Oslo ihre Unschuld verliert. Sie hat irgend was. Ich denke nicht, das sie ein one hit wonder ist. Ich wünsche ihr viel Erfolg und den Titel.

  4. Du schreibst wundervolle Texte! Diese Beschreibung von Lena finde ich sehr passend, denn singen kann sie wirklich nicht aber ihre Ausstrahlung hat etwas wundervoll ehrliches. Mal sehen wie das dann in Oslo klappt.

  5. Hallihallo!

    Werd hier öfters jetzt mal vorbeischaue, mag deine Art zu schreiben..
    Lena kann wirklich kein Stück singen, die nölt eher da so durch die Gegend mit ihrem Stimmchen. Und ob die Bambi-Beschreibung zutrifft, weiß ich auch nicht. Ich glaub, die Kleine hat es faustdick hinter den Ohren. Bin trotzdem mal gespannt, wie wir in Oslo mit ihr abschneiden, wird seit Jahren regelmäßig geguckt hier zu Hause ^^

    liebe Grüße,
    Nina

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