Es war einmal…

„Tue gutes und rede darüber“, lautete sein Grundsatz. Er tat es nie, weil er es seinem Schicksal schuldig war oder dem unsagbaren Glück, das seinem Leben offenbart wurde. Er folgte nie einer innewohnenden Überzeugung, geschweige denn einer moralischen Verpflichtung, die er hätte nachkommen müssen. Er wollte nicht mit Negerkindern aus Obervolta belästigt werden oder kranken Seelen in einem winzigen Bett. Es war ihm egal, welche Bahnen er legte oder welche Verantwortung an seinen Händen kleben sollte. Es ist seine Stiftung, es ist sein Name, sein Name ist sein Stolz.

Er tat es, weil es andere taten. Er handelte, da er den warmen Ausguss gütiger Worte wie das Wasser zum Leben brauchte. Er war der Fisch auf den Trockenen, das Herz ohne Blut, der Bewunderte ohne Verehrer. Sein Spiegelbild war ihm nicht mehr genug.  Die anderen mögen spenden, er jedoch vermag es zu stiften, seinen Großmut auszuteilen, die Hand zu reichen, ohne sie auszustrecken, ohne ihnen in die Augen zu blicken. Mit ihm trägt die Stiftung seinen Namen, sein Name tragen auch die Bestifteten, es ist seine Stiftung, es ist sein Name, sein Name ist sein Stolz.

In Darmstadt laufen sie zu Hunderten herum, die Bestifteten. Sie kennen ihn nicht und sie werden niemals in sein Gesicht blicken. Seine Augen sind nur auf sich gerichtet, mit Ehrenpreise behangen sitzt er in der Loge und lässt die Herscharen wie ein General auf der Militärparade an sich vorbei ziehen. Hohe Amtsträger singen ein Loblied auf ihn, PR as usuall, doch wer kümmert das schon? Es ist seine Stiftung, es ist sein Name, sein Name ist sein Stolz.

Sein wahres Leben ist die Kunst, fürwahr, das Schöne, das Anmutige, der Schein im hellen Licht. Wie ein Pfau steht er dann da und ist über sich und der Welt erhaben. Wen mag das verwundern? Kunst und künstlich stehen sich näher als Kunst und Können. So badet er, Tag ein, Tag aus, in Begriffen, die er nicht versteht. Ein junger Mensch schreibt ihn einen Brief und bedankt sich für ein Stipendium. Die Antwort trägt Goldrand. Es ist seine Stiftung, es ist sein Name, sein Name ist sein Stolz.

„Tue gutes und rede darüber“, steht auf dem Bogen des Mausoleums, an dem sie vorbeiziehen. Sie kennen ihn nicht und begegnen seiner kühl. Eine Führerin blickt verstohlen auf den Zettel in ihrer Hand. Sie kann sich diesen Namen einfach nicht merken. Hastig führt sie die Menschen weiter. Fotos knipsen, sein Namen verwuchert mit Moos. Bestiftete gibt es nicht mehr, seine Taten eine leere Fußnote. Es war seine Stiftung, es war sein Name, sein Name war sein Stolz.

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~ von Annabell M. - 10. März 2010.

20 Antworten to “Es war einmal…”

  1. „Es war seine Stiftung, es war sein Name, sein Name war sein Stolz.“

    Dieser Part trägt alle Last und allen Charakter. Ein tolles lyrisches Stilmittel deine „wiederkehrende Parole“ =)
    Und hey, ganz anders als der Rest dieses Blog’s! Völlig anders geschrieben, und vollkommen nach deiner Art des Schreibens 🙂

    Ich würde wirklich viel darauf verwetten das du diese Gedanken hierzu ganz frisch und anhand eines bestimmten Anlasses niedergeschrieben hast, ich sehe mich gezwungen vor einem Kommentar mit wesentlichem Inhalt erstmal eine Weile über dieses Stück Lyrik nachzudenken =)
    Von daher bis bald und gutes Schreiben 🙂

    Liebe grüßle
    der cúron

    • Hihi, na ja, einen direkten Auslöser gab es nicht. Es war vielmehr ein schon länger gehegter Gedanke, den ich einfach mal von der Leine gelassen habe, damit er ein wenig über die Wiese tollen kann. Er trägt ja einen Maulkorb, da passiert auch nichts ^^.

      Liebe Grüße
      Annabell

  2. Nun würde ich doch gern wissen, von wem Du geschrieben hast?
    Und wenn er ein Mausoleum hat und Leuten geholfen, dann hat er ja einiges erreicht. Auch wenn er vielleicht kalt war, sein Leben war nicht sinnlos.

    • Dass er etwas in seinem Leben erreicht hat, stelle ich ja auch gar nicht in Frage. Mit Sicherheit helfen seine Stiftungen auch dabei, Projekte auf die Beine zu stellen und Menschen Türen zu öffnen. Das ist aber auch nicht der Punkt, auf den ich hinaus möchte ^^. Vielmehr lautet die Frage, was bleibt von einem Erdenbürger, der nicht aus Überzeugung und Demut vor dem Leben, sondern einzig und alleine aus purer Eitelkeit und der Hoffnung auf Unsterblichkeit eine Wohltat stiftet? Es gibt wenig Dinge auf dieser Welt, die sich nicht mit Geld kaufen lassen. Anerkennung und Respekt gehören dazu ^^.

    • Zudem glaube ich das es eigentlich irrelevant ist um welche Person es geht.
      Im Prinzip sehe ich die Geschichte sogar bewusst in Richtung abstrakterer Dimensionen ausgelegt! Will meinen ein konkreter Gegenstand wzb. eben eine benannte Person wird absichtlich im Dunkeln gehalten. So setzt die Geschichte ein Zeichen auf symbolischer Ebene 🙂

      Liebe Grüßle

      der cúron 🙂

  3. Na ja, irgend etwas was von irgend einer Person stammt hat Dich inspiriert. Die unterbewußt schweifenden Gedanken haben doch eine bewußte Inspiration…So ähnlich machen das die Geister.

    • Ich bin mir nicht sicher ob latente Inspiration tatsächlich mit symbolischer Umsetzung von entsprechenden Gedanken zu identifizieren ist…
      Ich glaube zu wissen was du meinst, und stimme dir gewissermaßen zu. Doch kann ein zwar bewusst wahrgenommener Umstand auch als Indikator für ähnliche und allgemeine Gedanken dienen…
      So ist das bei Inspirationen – nicht selten führen die Motive zu „völlig“ anderen Gedanken in denen sie selbst nur als Statisten fungieren, oder nicht? 😉

  4. Ich denke, das ist so ähnlich wie bei Träumen.
    Das Unterbewußtsein würfelt Dinge, die es wahr genommen hat so zusammen, wie es ihm passt.
    Wenn allerdings etwas auftaucht was aus keiner Wahrnehmung gekommen ist, dann geht das in Richtung Visionen.
    Hab ich schon gehabt, ist aber sehr selten.

    • Lach, also ich kann Euch versichern keine Visionen zu haben. Auch Transzendenz ist mir fremd ^^.

      Natürlich kann und möchte ich nicht abstreiten, dass mich bestimmte Bilder zu diesem Blogeintrag inspiriert haben. Allerdings geht es in diesem Text nicht darum, einzelne Personen oder Stiftungen bloß zu stellen. Ich wollte vielmehr der Frage auf den Grund gehen, ob es soziale Verantwortung und ein nachhaltiges, gesellschaftliches Engagement überhaupt geben kann, wenn beides nicht mit vollem Herzen gelebt wird? Ändert der moderne Ablasshandel aus Stiftungen, Spenden, Adoptionen und Sozialtafeln wirklich die Welt? Oder erfordert es mehr, als pure Eitelkeit und Schuldgefühle mit dem Nützlichen zu verbinden?

      @ sayadin Ich fühle mich ja geschmeichelt, wenn Du mich als „alten Geist“ bezeichnest, aber wie komme ich denn nur zu dieser Ehre? ^^ Und könntest Du die Diagnose meinen Eltern schriftlich zukommen lassen, lach?

    • Hey
      Ja das mit den Träumen ist hochinteressant, da hast du Recht!
      Das ganze Unterbewusstsein pflegt es ohnehin uns Streiche zu spielen, preiset die Spiegelneuronen 😛
      Vision ist aber doch etwas krass oder? Ich meine so real etwas getärumtes auch sein mag, es entsteht, währt und vergeht dort wo es entsteht: In unserem Kopf – genau in eben dem Unterbewusstsein…
      Doch kann und „wöllte“ ich nicht verleugnen das meine Träume wohl schon so manches Deja vu zu verantworten haben… als Vision würde ich dasnochnicht deuten, nicht zuletzt weil ich eher wissenschaftlich veranlagt bin 😉
      Doch in Punkto Träume sehe ich das du dich eingehend beschäftigst, sayadin! In sofern Hut ab und Bühne frei für die Erfahrung, an der es mir wohl am ehesten mangelt 🙂

      Liebe grüßle

  5. Das wird keinen Sinn haben. Selbst wenn Du einen Nobelpreis bekommst, Du bleibst ihr Kind und hast keine Ahnung.

    • Jetzt muss ich in Chat-sprache antworten, Achtung:

      wtf ?

      Diesen Satz musst du mir erklären sayadin, Eltern sehen und bezeichnen ihre Kinder doch nicht als dumm?

  6. Nein, so meinen sie es sicher nicht, aber Du bleibst die Tochter. Du kannst nicht alles richtig machen weil Du dann ja das Leben besser gemeistert hättest als die Eltern. Und das geht nicht.

  7. Die meissten traumatischen Erlebnisse haben ihre Wurzel im Verhältniss zwischen Eltern und Kindern und Geschwistern. Weil da das Urvertrauen liegt und weil auch nur da das Urvertrauen beschädigt werden kann.
    Aber ich würde mir auch nichts draus machen. Ich habe es nicht selten, das die Geliebten oder Partnerinnen von Frauen anrufen, deren Kerle über 40 sind und die ein Problem mit ihrer Kindheit haben. So was wirkt dann einfach lächerlich.

    Natürlich ist es die Kette des Teufels (ich leide, wovon lasse ich mich beherrschen) Aber der einzige Weg wie man die Kette des Teufels los wird ist, man muss sie durchtrennen. Das heisst nicht, das man sich von der Person trennen muss, das würde nichts bringen, sondern man sollte mit den Gefühlen abschliessen. (Film Stalingrad „Ich habe gerade meinen besten Freund erschossen“ „Das ist mir auch schon passiert“)
    Wenn man es nicht macht, dann wird der Tod der Eltern zum nächsten traumatischen Erlebniss.
    Man sollte seinen Eltern, so lang sie leben, das sagen, was man ihnen eigentlich sagen will.

  8. Du solltest das Problem loslassen. Du kannst Deine Eltern nicht ändern. So lang sie leben kannst Du ihnen Deine Liebe geben, wenn sie tot sind, ist das eher schwierig.

  9. So lange sie leben kannst Du ihnen Deine Liebe geben. Wenn sie tot sind geht es nicht mehr…

  10. Mmh sehr sehr verzwickte Materie in der du dich da bewegst 🙂 alle Achtung!
    Du hast recht, finde ich. In Nähe mit seinen Gefühlen zu treten, und auch zu leben scheint mir tatsächlich eine Art „Schlüssel“ zum Leben zu sein. Den Menschen, nicht nur den Eltern, bei jeder Gelegenheit zu sagen was in dir vorgeht ist ein Grundsatz dieser Lebensweise… das kann Gutes wie Schlechtes sein – bereuen wird man es nicht, denn primär steht da die Liebe. In Form von Partnerschaft, Nächstenliebe oder der Liebe zur Familie…

    Doch wenn Menschen die dir am Herzen liegen, oder besser noch einen ewigen Platz darin genießen dürfen, sterben dann geht die Möglichkeit ihnen weiterhin Liebe zu geben nicht gezwungener Maßen mit ihnen zu Grunde. In meinen Augen unterliegt etwas wie Liebe nicht dem Tod, denn ansonsten würde Trauer überflüssig. Ich weiß nicht direkt wovon ihr hier schreibt, das geht mich wahrscheinlich auch nichts an, aber gerade das Band zu den Eltern sollte nicht an „Lappalien“ verenden, und angesichts der Wichtigkeit die ich dieser Liebe anmaße schließen „Lappalien“ fast alles mit ein… 🙂

    Liebe grüßle
    der cúron

  11. Ich habe meinen Vater wegen zwei Hühnern gefragt, weil ich einen kleinen Hof habe und da hätte ich jeden Tag mein Ei, oder auch zwei. Aber er besorgt mir keine, weil er mich für Verantwortungslos hält.
    Da kann man nichts machen.
    Es geht also nicht nur Dir so.
    Übrigens habe ich von Dir geträumt. Wir waren bei einem Bloggertreffen in Wien. Der ganze Traum in meinem Blog.

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