Die Geldtapete

Der Blick in meinen Postkasten ist kein Vergnügen. Zwar dämmt mein „Werbung, nein Danke!“-Aufkleber die apokalyptische Flut an Broschüren, Flyer und Werbeinformationen ein. Allerdings hindert dies den Postboten nicht daran, mir viel zu viele weiße Fensterumschläge mit dieser für Rechnungen so typischen Maschinenschrift im Adressfeld durch den Schlitz zu schieben. Alleine am heutigen Tag befanden sich wieder vier dieser Zahlungsaufforderungen in meinem Briefauffangbehältnis – so bitten mich nun das Wasserwerk, mein Stromanbieter, der Kaffemaschinen-Service und die GEMA freundlich zur Zahlung einer Summe x auf, die GEMA sogar schon zum zweiten Mal, da ich auf meinem Standpunkt bestehe, dass die Nachlassverwalter von Édith Piaf ruhig ein wenig länger auf ihre Tantiemen warten können. Die Gute hat ja nachweislich nichts mehr von ihrem Geld ^^.

So sitze ich hier in meiner guten Stube und stelle mir vor, welch hübscher Blickfang die Überweisungsträger wären, wenn ich sie in Reih und Glied an der Frontwand meines Wohnzimmers aneinanderkleben würde. Ziemlich bald würde die Fläche komplett in orange und weiß erstrahlen – für Nachschub wäre ohne Zweifel monatlich gesorgt. Ein entfernter Bekannter ging sogar noch weiter und setzte sich unlängst in den Kopf, aus gesammelten 5 Euro-Scheinen eine Tischdecke zu basteln. Als er den Gegenwert zu seinem „Kunstprojekt“ ausrechnete, ließ er von der Idee jedoch schnell wieder ab und kaufte sich stattdessen einen HD-Fernseher. Vor dieser Problematik hätten die Innenausstatter in den 20er Jahren nicht gestanden. Unabhängig von der Tatsache, dass die Flimmerkiste noch gar nicht erfunden war, sorgte die Hyperinflation dafür, dass selbst eine Schubkarre voll Geld nicht zum Erwerb eines Brotes gelangt hätte. Warum also den Wochenlohn nicht gleich als Mustertapete im Wohnzimmer Zweck entfremden? Die eine oder andere Stube soll so tatsächlich umdekoriert worden sein.

Noch sind wir in Europa nicht soweit es unseren Urgroßvätern gleich zu tun. Auch wenn die schwere Staatskrise in Griechenland die ersten Panikmacher auf den Plan ruft, wir sollten möglichst schnell unser Hab und Gut gegen Gold, Silber und Platin eintauschen, glaube ich nicht, dass ich meinen Kunden demnächst eine Millionen Euro und mehr für einen Cappuccino aus den Rippen leiern muss (auch wenn es meinen Bekannten und Tischdeckenfetischisten bestimmt gut gefallen würde ^^). Dennoch, so scheint es mir, schwebt ein Damoklesschwert über unseren Häuptern, das bei einem weiteren Beben am Finanzmarkt unter Garantie auf uns herabstürzen würde. Ich bin bestimmt nicht erpicht darauf, dieses Ereignis am eigenen Leib zu spüren, doch nicht zuletzt der hohe Grad der Industrialisierung und technischen Entwicklung in Europa würde wohl dazu führen, dass die Auswirkungen beileibe nicht so schwer wären, wie noch vor 90 Jahren. Dazu sind wir in Mitteleuropa – trotzt unserer unerlässlichen Jammerei – gesamtwirtschaftlich einfach zu stabil.

Dies gilt allerdings nicht für alle Regionen auf unseren Planeten. Die Entwicklungs- und Schwellenländer würden bei einem weiteren Finanzcrash wohl ungebremst in Chaos stürzen und brutales Opfer einer Krise werden, zu der sie wirklich am wenigsten beigetragen haben. Armut, Hunger und Kriege würden weiter um sich greifen und ganze Kontinente in ihren Bann ziehen. Schon heute können den Opfern der Erbeben in Chile und Haiti kaum geholfen werden – wie würde das erst nach einem weiteren Crash aussehen?

Vor diesem Hintergrund werden unsere eigenen Probleme plötzlich ganz klein und unsere Sorgen schrumpfen von einem Elefanten zu einer winzigen Mücke. Nicht zuletzt deshalb werfe ich schon seit der Eröffnung meines Cafés mein ganzes Trinkgeld in eine Sparbüchse und spende den Erlös am Jahresende der Welthungerhilfe. Sicher, es ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein, doch allemal besser, als sein Soufflé von einem goldenen Teller auf einer Euro-Tischdecke zu löffeln…

Advertisements

~ von Annabell M. - 6. März 2010.

15 Antworten to “Die Geldtapete”

  1. Nicht schlecht eingekleidet dieses Thema!
    Ich finde die Idee mit dem Trinkgeld gut, ich sollte auch ein Café eröffnen, eine schöne Art gutes zu tun.

    „Ein Tropfen auf den heißen Stein“

    Dazu kann ich nur den durchaus sehenswerten Film Dinotopia zitieren:

    „Ein Tropfen hebt den Ozean an“

    Eine schöne Vorstellung, nicht? In diesem Sinne Holla, man liest sich!

    Liebe grüße
    der cúron

    • Ein Tropfen kann aber auch schnell verdampfen, wenn er auf die falsche Stelle trifft ^^. Bei der Welthungerhilfe bin ich mir sicher, dass das Geld bei den Menschen ankommt. Bei manch anderen Organisationen wäre ich mir das nicht so sicher…

      • Wohl wahr!
        Doch wird der Ozean einem aufopfernden Tropfen folgen? Was meinst du?
        Oft bewegen diese wenigen Kämpfer, die voraus in das offene Messer stürmen, das was wir heute in den Geschichtsbüchern lesen…
        Gutes wird nie umsonst getan, du hilfst. Und wenn es ein Kind ist das einen Tag frisches Wasser bekommt. Stell dir vor 30 Menschen von 6 Milliarden spenden für diesen Zweck.
        Das Kinde hätte Nahrung für einen Monat, und im weiteren ziehen 50 Spender mit =)

        Ja, ich glaube an das Gute im Menschen und ja, wie so oft scheiden sich auch bei mir hier die Geister von Glaube und Verstand, doch finde ich solange der Glaube besteht sollte ich versuchen das Beglaubigte mit Verstand zu untermauern 🙂

      • Jeder Gedanke, der in die Welt gesetzt wird, hat die Kraft sie zu verändern. Es ist halt nur die Frage, ob er erhöhrt wird ^^. Insofern ist es für mich weniger entscheidend ob der Tropfen fällt, sondern vielmehr wohin. Wenn ein Tropfen in einen Ozean fällt, steigt dieser natürlich um den Tropfen an. Wenn er allerdings auf Brachland niedergeht, versickert er. Von daher halte ich es für wichtig zu prüfen für wen ich spende, bevor ich spende ^^ (wie die Live Aid Erlöse aktuell zeigen).

        Liebe Grüße
        Annabell

      • Hey,

        gerade auf Zitate.net gefunden, passt herrlich zu deinem Tropfen – muss ich dir hier mal offenbaren 🙂

        »Ein Mensch, der Berge versetzt, beginnt damit, indem er kleine Steine abträgt«

  2. was für aussichten, wenn wir mit unserem geld, die wände verschönern. vielleicht gäbe es dann überlegungen, das wirtschaftsystem zu reformieren – anstatt uns die köpfe einzuschlagen. das schmerz wahrscheinlich ungemein, und diese vorstellung von krieg, die macht mir angst.
    ja, die schwächeren, die spüren es als erster, wenn bei uns etwas nicht gerade läuft – gerade hier im sinn von richtig. ich stelle mir oft vor, es gäbe eine welt, in der dieser kapitalismus nicht existent ist, in der es ein teilen gibt, in der besitz nicht über das funktionale hinaus geht – nach dem motto, was brauche ich denn wirklich zum leben – das wäre schön.
    anstelle von neid, gäbe es liebe und verständnis – ach wie heilsam.
    es ist krotesk, wenn ich daran denke, dass sich geld vermehren kann, ohne dafür zu arbeiten – ich muss nur mal schnell an die börse, mit viel glück… in so einem system, naja, kann aus uns menschen nur das werden was wir sind – geleitet vom streben nach mehr, um uns bedürfnise zu erfüllen, die wir durch konsum nicht erfüllen können…
    so jetzt bres ich mich wieder ein – hätt mir gar nicht gedacht, dass dieses thema mich so bewegt.
    liebe grüße,
    michael.

  3. Hm, die Schwellenländer…ist ein Kritisches Thema, find ich.
    Ich für mich wage nicht abschätzen zu können ob es denen -noch- Schlechter gehen würde – die sind doch jetzt schon irgendwie total am Boden. Gehts da noch Tiefer? O.o

    Ansonsten ein Interessanter Beitrag. Anders als die beiden, die ich bisher von Dir so gelesen hab.

  4. „schon heute können den Opfern der Erbeben in Chile und Haiti kaum geholfen werden“
    von wegen safety first, save me first galt für den menschen schon immer…

    eine erneute, katastrophengleiche, weltweite wirtschaftskrise würde an den grundsätzlichen relationen zwischen bestehenden entwicklungs/schwellenländern und den führenden weltmächten wohl selbst mit größtem wunschdenken kaum etwas ändern.

    ps. Dein café?

  5. In der Hinsicht mehr als nur ratsam 🙂
    Wir haben uns darüber in WiPo in der Schule unterhalten. Darüber welche Gefahr Spenden-vereine (so nenne ich sie mal) für gutherzige Menschen bergen können =) du hast also absolut Recht damit, dass du vorher prüfen solltest in welche Richtung dein Tropfen wandert, und ob er dort wo er vergeben wird in guten Händen ist. Beispielsweise eben einem Sammelbecken gleich dem Ozean =)
    Ich fand das Thema in der Schule schon wichtig, ich will auch mal spenden und dann wenns soweit ist wissen worauf ich achten sollte =) Insofern schonmal Danke für den Tipp 😉 hehe

    Liebe grüße
    der cúron

  6. Am Gelde hängt, zum Gelde drängt doch alles, ach wir Armen.
    Ich schaffe mir zwei Hühner an, dann habe ich jeden Morgen mein Ei. Und in der Magdeburger Börde sollten auch 4 Sack Kartoffeln für wenig Geld zu kriegen sein.
    Im Moment habe ich das Gefühl, das die Welt dabei ist wahnsinnig zu werden.

  7. Ein Tropfen im Ozean verändert nichts, ein Tropfen auf dem Brachland kann einigen Ameisen den Durst löschen, wenn es bei Ameisen so etwas wie Durst gibt.

    • Lach, da hast Du natürlich recht. Brachland sollte eher ein Synonym für das Nichts sein, also noch nicht mal Ameisen oder sonstige Lebewesen ^^.

  8. Ja aber mir gefällt der Gedanke. Die Ameisen kommen grad von Arbeit (sie müssen einen Elefanten in ihren Bau schleppen) und sind glücklich, weil sie ihre schwere Laßt abwerfen und ihren Durst stillen können.

  9. Ich bin begeistert von Deinem Blog und der Art und Weise wie Du Deine Texte verfasst!
    Und ich finde es toll, wenn Menschen überhaupt einen Gedanken daran verschwenden zu spenden. Grade bei Jugendlichen passiert das doch eher selten.
    Wenn ich in der Lage bin ständig shoppen zu gehen, bin ich auch, finanziell gesehen, in der Lage zu spenden. Aber da kommt bei vielen doch eher der Geizkragen durch.

    Liebe Grüße,
    Lotte

  10. Ich mag diese weisen Worte

    Keine Sache ist so dringend, das sie durch etwas warten nicht noch viel dringender wuerde.

    Und

    Wer kriecht kann nicht stolpern.

    Den Spruch habe ich auf dem Klo im theologischen Seminar gefunden.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

 
%d Bloggern gefällt das: