Der Kastanienbaum

Für einen Augenblick schließe ich meine Lider und stehe vor einem großen Kastanienbaum. Ich lege meinen Kopf in den Nacken und blicke der imposanten Verzweigung empor. Armbreite Äste, kräftig und stark, sind zu einer imposanten, grünen Krone verwachsen, die im Schein des Sommersonne wie ein Leuchtturm über die verwilderten Gärten zu Fuße des Hennebergs blitzen. Die elliptischen Blätter tanzen und rascheln im lauen südost Wind, sie winden sich keck in der Symphonie olivgrüner Harmonie. Zwischen den Blättern blitzen hellgrüne Furchtbecher hindurch, kreisrunde Kokons mit weichen Stacheln, jung und unverdorben, in ihrem Panzer Sehnen und Säfte, die sich unter der lebensspendenden Quelle der Seins zu Früchten vereinen, Kastanien, Edelkastanien, um genau zu sein, wertvolle Schätze für Eichhörnchen, Delikatessen für Siebenschläfer, Krähen und Menschen.

Barfuß stehe ich vor diesem Wunder und bade im süßlichen Duft der knöchelhohen Wiese. Alles um mich herum scheint sich zu bewegen, es wuselt und atmet und sprüht aus jeder Zelle das pure Leben aus. Unverfälscht und fleißig geht es seiner Bestimmung nach und schert sich nicht um den Tag. Die graue Maus, die vor den Blicken neugieriger Räuber geschützt durch das Gras wandert, der Spähtrupp kleiner Ameisen, die wie winzige Sprenkel schwarzer Farbe auf schneeweißen Papier plötzlich in Formation treten und ein grünes Blatt davontragen, die goldbraune Kreuzspinne, die zwischen einzelnen Zweigen ihr großes Radnetz mit großer Sorgfalt spinnt und das sonore Brummen der Bienen, das fröhliche Zwitschern der Vögel, das leise Bellen eines in weiter Ferne spielenden Hundes.

Mit winzigen Schritten gehe ich auf dem Baum zu und breite meine Arme aus. Die Zehenspitzen berühren die sanft die Wurzel, meine Beine bleiben eine Hand breit vor dem Stamm stehen. Langsam beuge ich meinen Körper nach vorne, nur noch eine Wimper trennt meine Nasenspitze von der graubraunen Borke. Ein schwarzer Käfer läuft den Stamm empor, als meine Hände endlich die harte, gegerbte Rinde berühren, die unter meinen Griff zu zerbröseln scheint. Mein Herz schlägt wild, ein Feuerwerk der Hormone, der Gefühle, der Emotionen und des Schmerzes setzt in meiner Brust den Baum der Erinnerung in Flammen. Salzige Tränen schießen in meine Augen, ich kann mich ihrer nicht erwehren, sie begrüßen Dich, lieber Kastanienbaum, sie sind mein Geschenk für Dich, der, der so lange auf mich warten musste.

Tief atme ich durch und lege mein Ohr auf Deinen Stamm. Ich höre Dich flüstern, lieber Kastanienbaum, ich kann Deine Worte vernehmen, warm und väterlich begrüßt Du mich. Du hast geduldig auf mich gewartet, hast auf der Stelle geharrt und die Gezeiten kommen und gehen sehen.

„Oh nein“, erwiderst Du mir, „es erschien mir nur wie ein Augenblick, als Du in meinem Schatten saßt und in den blauen Himmel blicktest. Für ein Menschenleben mögen viele Jahre entschwunden sein, doch für mich, liebe Annabell, vergingen nur 16 Nächte winterlichen Schlafes. Der Mensch ist so vergänglich, hastig verbringt er seine Zeit, ihr hinterher zu eilen. Doch welch Verschwendung von Leben ist das? Sehe, liebe Annabell, meine Wurzeln ragen tief in den Boden hinab und doch versorgen sie mich mit allem, was ich zum Leben brauche. Ich laufe niemals weg und bleibe immer stehen. Einzig meine Krone wippe ich mit dem Wind und sehe meine Blüten mit den Lüften ziehen. Zeit hat für mich keine Bedeutung, liebe Annabell, sie ist kein Maß, mein Leben zu bemessen.“

„Ach, Du lieber Kastanienbaum“, hörst Du mich denken, „Du hast leicht reden. Du stehst hier und bewegst Dich nicht. Deine Welt ist das Sein, das Hier und das Jetzt. Doch ich, lieber Kastanienbaum, bin ein Mensch, aus Fleisch und Blut. Ich kann über die Wölbung des Horizonts blicken, nein, noch vielmehr, ich kann über die Wiesen wandern und am Horizont verschwinden. Die Welt spuckt mich in einer Wüste aus, vielleicht auch in einem Wald oder in einer Stadt. Meine Nächte sind kürzer als Deine, mein Herz schlägt soviel schneller. Schau her, ich bin alt geworden seit unserer letzten Begegnung, ich bin gewachsen und von einem Kind zu einer Frau geworden.“

„Deine Größe mag ich spüren, wenn Du mich berührst, liebe Annabell“, antwortest Du dann. „Doch welch Wesen es ist, das seine Hand auf meine Borke legt? Ich kann es nicht ermessen. Ich sehe nicht mit Deinen Augen, ich höre nicht mit Deinen Ohren und spreche nicht mit Deiner Zunge. Doch ich spüre Dich mit Deinem Herzen und Deine Sehnsucht ist echt. Nur dies ist von belang. Es wäre ein einfaches für Dich, meine Äste zu brechen und meinen Stamm zu fällen. Doch Du tust es nicht, denn Dein Geist ist mit mir im reinen. Dies ist das einzige, was zählt. Dies ist die einzige Schönheit, die einzige Jugend, das einzige Leben, das ich ermesse.“

Schlagartig öffne ich meine Augen und starre an die Decke. In meinem Arm liegt der blaue Hase und schläft. Es ist Nacht geworden, seit dem Augenblick am Kastanienbaum. Ich muss geträumt haben.

Langsam drehe ich mich um und verschwimme im Schlaf. Ich stehe vor seinem kräftigen Holz und er nickt mir zufrieden zu. Fröhlich tanzt das kleine Mädchen ringel rein um seinen Stamm und wirft ihre Hände in die Höhe.

Ich gefalle mir.

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~ von Annabell M. - 4. März 2010.

13 Antworten to “Der Kastanienbaum”

  1. Du träumst einen wunderschönen Traum und findest die richtigen Worte, für ein unbeschreibliches Gefühl. Ein lieber Gruß, Nicole

    • Das hast Du wunderschön gesagt. Ich gebe mir alle Mühe, meine Gefühle und Träume in Worte aus Samt zu packen ^^

      Ganz liebe Grüße,
      Annabell

  2. Ein wirklich Schöner Text. Wunderbar geschrieben.
    Hab ihn gerade einer Freundin vorgelesen, die meinte dasselbe.
    Das sollte / könnte man Vertonen.
    Sollte ich mich demnächst mal dazu durchringen, einen Podcast auf die Beine zu stellen – dürfte ich dann diesen und oder mehrere deiner Texte vertonen?
    Ich finde solche Geschichten Schön.
    Direkt mal abonniert. (:
    Regards,
    Aruoka

    • Hallo Aruoka,
      vielen Dank für Dein tolles Kompliment. Ehrlich gesagt habe ich mir noch nie Gedanken darüber gemacht, ob meine Texte vertont werden könnten, lach. Ich weiß auch nicht, ob meine Worte so „wirken“, wenn sie vorgelesen werden. Als Podcast stelle ich mir meine Blogbeiträge ziemlich schräg vor – so wie ich auch viele Hörbücher nicht mag, da manche Texte einfach verschoben und hohl klingen, wenn sie vorgelesen werden. Ich glaube, nichts ersetzt die Fantasiereise in die fantastischen Gärten des eigenen ichs mit einem Text voll Buchstaben vor dem Auge ^^.

      Liebe Grüße,
      Annabell

      • Mh. Da bin ich ähnlicher Ansicht wie Du.
        Aber ich finde auch, das wenn man einen guten Sprecher, mit Angenehmer Stimme und guter Betonung hat, man eh schon Schönen Worten noch etwas Besonderes verleihen kann.

        Was nicht bedeutet, das ich das von mir dächte, ich weiß nur, das eine Stimme auch sehr viel und mehr ausdrücken kann.
        Regards,
        Aruoka

  3. Ich hab jetzt ganz bewusst den Vorhang vor meinem Fenster zugemacht, mich auf mein Bett gelegt und das Kopf-Kino eingeschaltet.
    Wenn du nichts dagegen hast würde ich dich auf meinem Blog verlinken, damit ein paar Menschen mehr sich an deinen tollen Texten erfreuden können.
    Gruß

    • Vielen lieben Dank, dagegen habe ich nichts einzuwenden ^^. Ich hoffe, Du hast nicht von ausgesperrten Straßenlaternen vor dem Fenster geträumt, lach.

  4. Das du wirklich gut schreibst hast du wohl schon oft genug gehört hier, oder? Trotzdem sage ich es dir auch nochmal 🙂
    Es gelingt dir wahnsinnig gut eine Mischung aus Liebe zum Detail und der Distanz zum Herz deiner Aussage zu schaffen. Ich meine du hast eine interessante Art die Welt wahrzunehmen, einen guten Blick für vermeintlich unscheinbare Details und das wertvolle Talent das alles in Worte zu kleiden.
    ( wahrscheinlich… genau kann ich das natürlich nicht einfach über dich sagen – ich kenne dich schließlich gar nicht wirklich;))

    Du schaffst es den Menschen mit vorsichtigen Worten ein Bild in den Kopf zu zaubern, ohne ihnen aber eines vorzugeben – du nimmst ihnen nichts voraus, es bleibt jedem Spielraum beim gestalten des eigenen Bildes. So hat jeder deiner glücklicherweise zahlreichen Leser ein anderes Bild in Erinnerung.
    Das finde ich interessant – man könnte sagen Menschen wie du säen Bilder, Eindrücke, Gedanken und Gefühle. Sie bringen uns das zurück was wir über den Alltag schnell vergessen. Sowas ist eine wertvolle Gabe, ich habe viel Spaß dabei deine Texte zu lesen!!

    Liebe grüße
    der Cúron

  5. […] Dieser Blog-Eintrag wurde teilweise von Honigtaucher’s Blog […]

  6. Ach Frauen sind einfach schrecklich romantisch. Mir war es zu süss und zu nett.

  7. hallo.
    finde das ist sehr schön geschrieben. und wie schon oben erwähnt sollte mal über ne vertonung nachgedacht werden. obwohl der text so schon einfach zum dahinsickern wirkt.
    gerne gelesen.
    gruß,
    isa

    • Hallo Isa,
      vielen Dank für Deinen schönen Kommentar. Es freut mich sehr, wenn meine Worte in die Seele sickern ^^. Leider befürchte ich, dass sie vertont ihrer Tiefe beraubt werden, da es immer noch etwas anderes ist, Buchstaben und Sätze bewusst mit dem Auge aufzunehmen und im Kopf zu verarbeiten, als sie nur „zu konsumieren“. Ich merke das immer wieder, wenn ich ein Hörbuch abspiele. In der Regel kann ich bereits einige Stunden später die Geschichte nicht mehr rekonstruieren, während ich den Inhalt eines Buches zum Teil noch Monate später detailiert beschreiben kann. Vielleicht geht es auch nur mir so, doch in diesem Leben werde ich kein Fan mehr von Hörbüchern und Vertonungen, lach.

      Liebe Grüße
      Annabell

      • ja du magst wohl recht haben. ich denke es kommt auf das werk an. vieles eignet sich natürlich nicht als tonversion anderes hingegen muss gehört werden. wie dem auch sei, ob vertont oder nicht gut ists =)

        gruß,
        isa

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