Nebel

Vieles bleibt im unklaren, wenn der Nebel über die Felder zieht und die Landschaft zu seinen Füßen  im weißen Dunst winziger Tropfen verschluckt. Für einen Großteil der Menschen ist  Nebel etwas unnahbares, etwas bedrohliches, denn es schränkt die Sicht ein, es versteckt ganze Wälder und Städte in seinem Sumpf.

Ich habe immer verstanden, jedoch nie nachempfunden, weshalb Nebel als etwas beängstigendes wahr genommen wird. Der weiße Schleier über den Boden ist doch mit den weißen Wattebäuschchen am Himmel identisch. Weshalb soll das eine Angst hervorrufen und das andere den Geist in romantische Verzückung versetzen?

„Über den Wolken soll die Freiheit wohl grenzenlos sein“, singt Reinhard May in seiner wunderbaren Ballade über das Fliegen und dem Aufsteigen in die Lüfte. Er versteht die Wolken als Grenze zwischen dem Hier- und dem Jenseits, zwischen Enge, Konvention und Zwang auf den Boden und dem unendlichen Möglichkeiten in den Lüften. Vor seinem Auge befindet sich nur der Horizont, sonst nichts, der ganze Planet liegt blau, weit und offen vor ihm.

Fürwahr, jeder, der in einem Langstreckenflug schon Mal aus dem Fenster geschaut hat, weiß, wovon May berichtet. Und doch wirft der Blick auf das Weite auch Fragen auf: Wo bin ich, wäre eine, was befindet sich nur unter mir und wohin geht die Reise? Woran kann ich mich orientieren und was kann ich mit der Freiheit über den Wolken nur anfangen, wenn es keinen Fixpunkt gibt, an dem ich mich festhalten kann? Enger gefasst ist diese Art der Freiheit immer gleichbedeutend mit einem Blindflug – oder einer Odyssee auf dem Atlantik bei sternenloser Nacht – die mich hilflos zurücklässt, wenn die Instrumente ihren Dienst versagen und nicht mehr in der Lage sind, sicher zu navigieren.

Interessanterweise empfinden die Menschen nichts bedrohliches an einem Transatlantikflug in 10.000 Metern Höhe,natürlich  von der Möglichkeit abgesehen, abstürzen zu können. Ganz ähnlich verhält es sich bei einer Kreuzfahrt auf dem offenen Meer. Der Orientierung beraubt, legen die Fahrgäste ihr ganzes Schicksal in die Hände einiger mechanischer Instrumente und elektronischen Spielzeug. Niemand hat Angst, verschollen zu gehen, sich zu verlieren oder an einem fremden Punkt der Erde ausgespuckt zu werden, der gar nicht auf der Route lag.

Langstreckenflüge, Kreuzfahrten und Nebelexpeditionen sind seelenverwandt. Sie nehmen uns die Sicht und ringen uns das Vertauen ab, anderen Sinnen vertauen zu müssen, als dem Auge, das Ohr oder der Nase. Übernehmen im Flugzeug oder auf dem Schiff komplizierte Satellitensysteme die Navigation, so ist es im Nebel der Tastsinn und nicht selten das Bauchgefühl. Und doch kann es geschehen, dass den Weg unbewusst verlassen wird und uns die Füße zu einem unbekannten Ort tragen.

Dieses Erlebnis wiederum kennen alle Menschen – von jung bis alt, Männlein und Weiblein, reich und arm – unter einem immer wieder kehrenden Begriff: Das Leben! Deshalb jagt mir der Nebel keine Angst ein – auch auf die Gefahr hin, sich vielleicht den Kopf anstoßen zu können.

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~ von Annabell M. - 23. Februar 2010.

7 Antworten to “Nebel”

  1. Ich denke, das bei Nebel Urängste raus kommen.
    In früheren Zeiten hatten die Menschen des öfteren die berechtigte Befürchtung, das plötzlich aus dem Nebel ein Bär oder ein paar Wölfe auftauchen und Mittag machen.
    Oder ein Feind plötzlich vor einem steht und einem ein Messer in den Bauch rammt.
    Bei Call of Duty ist der Nebel für mich was wunderbares. Taste 4, Handgranate und rein. Klappt meisstens. Oder wenn zu viele rote Punkte um einen herrum sind hilfts auch.
    Heute hat man die berechtigte Befürchtung das im Nebel plötzlich zwei rote Lichter auftauchen und man auf dem glitschigen Boden zu sehen muss wie man sein und ein anderes Auto kaputt macht.

    Wenn Du Nebel magst dann scheinst Du sehr viel Vertrauen zum Leben zu haben. Nebel macht mir keine Angst, ich fahre halt langsamer. Die Menschen machen mir mehr Sorgen. Die sind Monster, schlimmer als Bären, Wölfe und Tiger.

    • Ich würde nicht soweit gehen und sagen, dass ich den Nebel „mag“. Er jagt mir nur keine Angst ein. Im Grund glaube ich, das Leben ist immer ein „Blindflug“. Es verhält sich wie mit dem Flugzeug über den Wolken, dem Schiff auf dem Meer oder mit dem Auto in der Suppe ^^. Wer immer nur auf Sicht fährt, mag schnell und problemlos an sein Ziel gelangen. Doch ist es nicht der Weg, seine Steine, Schlaglöcher und unzählige Abzweigungen, die das Leben erst so lebenswert machen? ^^

  2. Die Dinge sind nicht gut noch böse, das Denken macht sie erst dazu. Aber manche Schlaglöcher sind Abgründe. Das mit dem Leben als Blindflug gefällt mir.
    Ich habe bei mir den Eindruck das mein Leben eine Schicksalsblase ist. Ich hab immer wieder versucht sie zu durchstossen, aber es gelingt mir nicht.Bei jedem Versuch ist sie kleiner und langweiliger geworden. Und manchmal wird sie auch ohne mein Zutun kleiner.
    Darum versuche ich es nicht mehr.
    Das was mich stört ist, das es noch so lange dauert.
    Ich war in der DDR im Gefängnis, aber für mich ist das ganze Leben ein Gefängnis.

  3. Charmanter Text.
    Musste hie und da vereinzelt kurz lächeln.

    Lediglich: Reinhard May schrieb leider Gottes niemals wunderbare(!) Balladen… (:

  4. Deine Art die Dinge zu beschreiben gefällt mir sehr. Jemand hat mir mal den Audruck „alte Seele“ beigebracht. Bei dir würde ich sagen du bist schon eine alte Seele :). Schon wenn man Selbs-vertrauen hat und der Blindflug zu einem Freiflug wir.

    • Vielen Dank für Dein Kompliment ^^. Da bin ich ja froh, „nur“ eine alte Seele zu sein. Mit „alter Frau“ hätte ich wesentlich mehr Schwierigkeiten. Ich bin doch ein eitles Huhn im Blindflug durch den Nebel, lach.

  5. Eine alte Seele mit Elfenaugen.

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