Zeitenwende

Allerorts steht geschrieben, das Jahr 2010 stehe unter „kosmischen Beschuss“. Schon seit Monaten überschlagen sich Astrologen und Esoteriker mit Hiobsbotschaften und Prophezeiungen über den Zusammenbruch der Welt, wie wir sie heute kennen. Die Gesellschaft steuere auf einen „kardinalen Konflikt“ zu, heißt es, die Gesellschaft werde sich in einem schmerzvollen Prozess wandeln müssen.

Einer meiner Stammkunden richtet sein Leben bereits seit vielen Jahrzehnten nach seinem Horoskop aus. Mit dieser Methode hat er es zum bescheidenen Reichtum gebracht, sagt er, und sein üppiges Trinkgeld gibt ihm vielleicht sogar recht. Er bestellt immer das gleiche Menü – ein Kännchen Kaffee mit flüssiger Sahne, statt Dosenmilch, ein Stücken frisch gebackenen Bienenstich und ein Glas stilles Wasser. Er sitzt dann am Fenster zur Straße, rührt bedächtig die Sahne in den Kaffee und zückt nach wenigen Minuten sein Moleskine, um Notizen in das Büchlein zu schreiben.

Er ist ein Gentleman alter Schule, freundlich, aber distanziert, mit Stil und Etikette, ein älterer Herr mit silbernen Haar, Hemd und Krawatte. Vor Ewigkeiten habe ich ihn mal gefragt, ob er ein Geburtshoroskop für mich anfertigen möchte. Er lächelte mich neugierig an und notierte mein Geburtsdatum. Seitdem liefert mir Fleurop zu jedem Geburtstag einen anonymen Blumenstrauß mehr, doch das Horoskop habe ich bis heute noch nicht erhalten. Mein Leben sei zu bunt, um es in die Zwangsjacke der Astrologie einzuschüren, erwiderte er Wochen später, und bestellte sich ein Kännchen Kaffe mit Sahne, einen Bienenstich und ein Glas stilles Wasser.

Seit Anfang des Jahres taucht er immer seltener im Café auf. Wenn er sich mal blicken lässt, ist er immer noch sehr um Etikette und Freundlichkeit bemüht, doch hinter seiner Fassade bröckelt der Putz. Er wirkt fahrig und unkonzentriert, ist blass und grau im Gesicht. Wir sollen uns auf zwei heiße Jahre einstellen, sagt er, die Sterne prophezeien eine Zeitenwende. Das alte System tritt ab, der Euro, Dollar und der Materialismus, doch die Wende verläuft nicht glatt und friedlich, wie vor 20 Jahren, sondern wird blutig und schmerzhaft. Er habe sich einen Vorrat an Lebensmitteln angelegt und tausende Kerzen gekauft. Er bete wieder viel, beichtete er mir bei seinem letzten Besuch Anfang Februar, als er mir 20 Euro Trinkgeld in die Hand drückte… weit mehr, als den Wert seiner Bestellung.

Seine Worte gehen mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf. Es ist offensichtlich, dass unser System aus den Fugen geraten ist. Man muss schon blind sein, um die Zeichen nicht zu sehen. Doch muss dies gleich „das Ende“ bedeuten? Den Zusammenbruch des Systems? Meine Eltern sind mit mir 1989 aus der DDR geflohen. Die Zustände damals seien mit heute nicht vergleichbar, sagen sie, doch gegen eine zweite Revolution hätten auch sie nichts einzuwenden.

Ich weiß nicht, was ich von all diesen Worten halten soll. Gab es nicht schon zu allen Zeiten Propheten und/oder Halsabschneider, die das Ende nah wähnten und schlussendlich die Zeit ereignislos an sich vorbeirauschen sahen? Und wer kann schon sagen, wie dick der Ast ist, auf den wir sitzen? Selbst wenn er in Kürze unter uns wegbrechen sollte, ist es dann ohnehin nicht schon zu spät, um das Sägen einzustellen? Mein Vermieter interessiert sich nicht für mein Horoskop. Mein Bankkonto wahrscheinlich auch nicht. Es kommt, wie es kommt. Wenn es denn kommt…

P.S.: Heute fallen Karneval und Valentinstag aufeinander. Eine wirklich wilde Mischung! „Humpa, humpa, humpa tätärää“ auf der einen und Pralinen & Liebesbeweise auf der anderen Seite. Wirklich echt ist beides nicht. Wie immer quälte sich Martin durch das Liebesfest. Das bischen Tätscheln meiner Seele kann er sich auch sparen, wenn andere Dinge doch so viel wichtiger sind als ich. Ich wünschte, seine Großzügigkeit würde auch mich einmal streifen. So aber sind seine Plüschherzen nicht mehr wert, als die Preisschildchen, die auf ihnen kleben!

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~ von Annabell M. - 14. Februar 2010.

9 Antworten to “Zeitenwende”

  1. Ich weiß auch nicht recht, was ich von den Worten des alten Mannes halten soll. Die ältere Generation hat tragisches erlebt, ich wünsche und hoffe (und glaube), dass unsere Gegenwart (zumindest in den entwickelten und Schwellenländern) es ohne Blut schaffen wird die wirtschaftliche Krise zu überwinden. Aber der Mensch ist natürlich trotz Moderne zu so ziemlich allem fähig, wenn es um die eigene Haut geht. Ich mag Deinen Blog!
    Kika

    • Vielen Dank für Dein nettes Kompliment, KiKa, das gebe ich gerne zurück ^^. Zu Deinen Kommentar: Ich weiß wirklich nicht, was ich von den Prognosen halten soll. Jede Zeit hat ihren eigenen Wert und Epochen lassen sich nicht miteinander vergleichen. Sicher, die Menschen tendieren in Extremsituationen immer zur Gewalt, doch würde ein Crash mit Geldentwertung und allem drum und dran wirklich in einer Revolution münden? Oder einen neuen Hitler? Ich glaube es nicht, denn dazu sind wir heute (unter dem Strich) zu aufgeklärt. Vielleicht erklärt auch das die Resignation: Die Menschen wissen aus der (jüngsten) Historie, dass sich die Welt von heute mit alten Parolen nicht ändern lässt.

  2. Annabell, du hast eine großartige Art Dich auszudrücken, dein Wortschatz ist groß, aber natürlich. Die Idee einen Blog zu führen wird sicher eine erfolgreiche Sache! Mir fehlen manchmal die Worte und ich habe das Gefühl, immer die gleichen zu benutzen, etwas holprig. Als ich jung war, war ich viel poetischer, glaube ich. Ich denke auch, dass eine Revolution wie in früheren Jahren, fernab der Realität ist, aber das heißt nicht, dass sie nicht doch möglich sind. Revolutionen brauchen aber immer Anführer und die Leute heute glauben nicht mehr so leichtsinnig wie damals. Ich hoffe, dass es mehr Menschen gibt, die das Gesagte immer hinterfragen werden, mal mehr mal weniger höflich. In welcher Stadt arbeitest Du?

    • Vielen, vielen Dank Krissi, Du machst mich ganz verlegen ^^. Ich kann über mein Schreibstil eigentlich nicht viel sagen, da ich meie Worte so in Sätze fassen suche, wie sie mir in den Sinn kommen. Ich habe schon als kleines Kind in abstrakten Bildern gedacht – zuweilen auch gefühlt und erlebt. Vielleicht zählt auch deshalb „Alice im Wunderland“ zu meinen Lieblingsbüchern, doch das ist ein anderes Thema, lach.

      Poesie entsteht, wenn das Herz durch die Augen des Menschen blickt… wenn Du die Bilder des Lebens, den Geruch des Seins und das Gefühl der Gegenwart in Deiner Seele schmelzen lässt… oh je, das klingt ganz schön geschwollen. Aber vielleicht verstehst Du, was ich meine ^^. Ich glaube nicht, dass Deine Poesie verloren gegangen ist. Vielleicht hast Du nur Abstand zu ihr genommen, da man mit dem Alter in der Regel kopflastiger wird. Manchmal wünschte ich, diese Entwicklung vollziehe sich bei mir etwas schneller, lach.

      Ich lebe in Darmstadt, doch mein Café befindet sich in Mannheim. Wo genau, bleibt mein süßes Geheimnis ^^. Ich freue mich darauf, Dich wiederzulesen.

      Liebe Grüße,
      Annabell

  3. Wirklich gut geschrieben, ich glaube ich mag Dein Cafe.

  4. Die Geschichte gefällt mir. Guter Charaktermensch; ich mag merkwürdige Menschen.
    Schade, dass es in so mitnimmt.
    Lass uns hoffen er findet heraus, dass er selbst für sein Wohlergehen zuständig ist,und nicht die Sterne. Glauben ist eine gefährliche Sache.

    /Jess

  5. Ich arbeite als Tarot Kartenleger. Allerdings ist mein Hauptgebiet die Liebe und ihre Abgründe.

    Die Welt geht unter? Ja, jeden Tag wenn ein Mensch einsam in einem Krankenhaus stirbt. Jeden Tag streiten sich Menschen um sinnloses Zeug. Wenn dann einer von beiden am nächsten Tag tot ist, was vor kommt, dann bleibt der andere zurück und fragt sich „Warum hab ich ihm, ihr, nicht das gesagt, was ich ihm, ihr eigentlich sagen wollte“. Kinder sehnen sich nach der Liebe ihrer Eltern aber die sind zu beschäftigt. Jeden Tag stirbt das mögliche Glück von Menschen.

    Ich sehe die Zeichen auch. Bankmanager und Pharmaindustrie plündern das Volksvermögen und die Westerwelles in ihrer spätrömischen Dekadenz hacken auf die Schwachen rum.

    Vielleicht ist es besser, wenn die Welt untergeht. Ich finde diese Welt unerträglich.

    Aber Call of Duty würde mir fehlen.

  6. Time and again, we’re going to reach the earth’s borders.
    Time and again, we’ll be afraid of this recurrent endings.
    And everytime we’re going to survive our own fear.

    I think the world’s just a mirror of everyones soul.

    – so mine… is bright and colorful 🙂

    Klasse text!

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